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Full text of "Die philosophie des Nikolaus von Autrecourt : Inaug. diss"

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Phil 


des  Nikolaus 


Inaug^ural-Dissertation 


zur 


Erlangung  der  Doktorwürde 
der  hohen   philosophischen   Fakultät 

der 
Rheinischen  Friedrich-Wilhelms-Universität  zu  Bonn 

vorgelegt  am  8.  März  1905 


von 


Joseph  Lappe 

aus  Geseke. 


1905. 

Buchdruckerei  von  Se.litsJtoppen,   Bonn  a.   Rhein 


iWJ;qPP( 


Gedruckt  mit  Genehmigung-  der  hohen  philosophischen 
Fakultät  zu   Bonn. 
Berichterstatter:   Herr   Professor   Dr.   Bäumker. 


Dem  Andenken 
meines  Vaters. 


J4N  2 1  m? 

d0  5/ 


Leben   und  Schriften   des   Nikolaus 
von   Autrecourt. 

Erstes  Kapitel. 

Thomas  von  Aquin  und  seine  grossen  Zeitgenossen  hat- 
ten kaum  das  Auge  geschlossen,  da  erhob  der  Nomina- 
Hsmus,  der,  so  lange  sie  noch  wirkten,  verstummt  war  und 
vernichtet  zu  sein  schien,  wieder  sein  Haupt  und  ge- 
wann in  kurzer  Zeit  eine  grössere  Verbreitung  als  selbst 
zu  Roscellins  Zeiten.  Angebcihnt  durch  die  einseitige  Her- 
vorhebung des  Individuellen  als  des  wahrhaft  Wirklichen 
und  der  starken  Betonung  des  Willens  in  Gott,  als  des 
Primären  vonseiten  des  Minoriten  Duns  Skotus,  fand  der 
Nominalismus  in  Wilhelm  Occam  einen  scharfsinnigen 
Verteidiger,  durch  dessen  unermüdliche  Tätigkeit  in  Wort 
und  Schrift  er  vor  allem  an  der  Pariser  Universität  über 
den  Realismus  triumphierte.  Obwohl  die  Artistenfakultät 
zu  Paris  in  einem  Statute  vom  25.  September  des  Jahres 
1339I)  das  Studium  der  Schriften  Occams  verbot  und  am 
29.  Dezember  1340^)  mehrere  Irrtümer  der  Occamisten 
verwarf  und  selbst  der  Papst  Clemens  VI.  in  einem  Schrei- 
ben vom  20.  Mai  des  Jahres  13462)  an  die  Pariser  Uni- 
versität vor  den  Lehren  der  Neuerer  Warnte,  so  vermochte 
doch  dies  alles  der  weitern  Ausbreitung  des  Nomina  - 
lismus  nicht  Einhalt  zu  tun,  vielmehr  waren  alle  War- 
nungen und  Verbote  wirkungslos,  und  der  Nominalismus 
zog  immer  grössere  Kreise.  In  diese  Zeit  des  hochge- 
henden Kampfes  zwischen  Nominalismus  und  Realismus 
fäUt   das    Leben   des    Nicolaus   von   Autrecourt.    Geboren 


^)  Chartularium    Universitatis  Parisiensis  von     Denifle-Chitelain.  T. 
II,   1.  Paris.   1891.  p.  458. 
*)  Chart.  IL  1.  p.  505. 
3)  Chart.  II.  1.  p.  587- 


-  6  — 

in  dem  kleinen  Dorfe  Autrecourt^)  in  der  Diözese  Verdun 
an  der  Meuse  um  1300  —  Jahr  und  Tag  seiner  Geburt 
sind  unbekannt — ,  machte  er  seine  philosophischen  Und 
theologischen  Studien  zu  Pars.  Denn  nach  dem  ,,Cata- 
l<>gus  Provisorum,  Sociorum  et  Hosp  tum^j  Sorbonae"  leb- 
te er  in  der  Sorbonne  zwischen  1320  und  1327,  während 
welcher  Zeit  ein  gewisser  Hanibaldus  Xorstohcr  der  Sor- 
bonne ,war.  Da  er  hier  in  dem  Mittelpunkte  der  tiot- 
minalistischen  Strömung  lebte  und  Gelegenheit  hatte,  den 
„Venerabilis  inceptor'"  selbst  zu  hören,  so  konnte  er  von 
dem  Kampfe  zwischen  Tomisten  und  Occamisten  nicht 
unberührt  bleiben  und  musste  selbst  irgendwie  dazu  Stel- 
lung nehmen.  Nach  einander  wurde  er  ., Magister  in  ar- 
tibus,  baccalarius  et  licentiatus  in  theologia  et  in  legi- 
bus"6)  und  hielt,  wie  es  üblich  war,  zunächst  Vorlesungen 
über  die  Sentenzen,  später  auch  über  andere  Gebiete,  wie 
z.  B.  über  die  Politik  des  Aristoteles.'^)  Nach  der  im 
Mittelalter  therrschenden  Sitte.  Klerikern  während  ihrer 
Studienzeit  eine .  Präbende  zu  verleihen  oder,  wenn  sie 
schon  angestellt  waren,  ihnen  den  Genuss  ihrer  Präben- 
de zu  belassen  unter  Entbindung  von  der  Pflicht,  an 
dem  Orte  ihrer  Kathedrale  zu  leben,  um  ihnen  dadurch 
das  Studium  an  den  Hochschulen  zu  ermöglichen,  wurde 
auch  ihm  ani  4.  März  1338  eine  Präbende  verliehen  an 
dem  Dome  zu  Metz. 8)  Durch  die  Vertretung  des  nomina  - 
listischen  Standpunktes  lenkte  er  bald  die  Aufmerksam- 
keit und  den  Verdacht  der  kirchlichen  Behörde  auf  sich. 
In  seiner  Antrittsvorlesung^)  über  die  Sentenzen  und  der 


*)   DaliT    Nicolaus"  de  Autricuria,     Aurituria,   Altricaria,    Ultricuna, 
Utricuria  uno  Autricort. 

5)  Franklin :  La  Sorboune.     Paris.   1875.     p.  224. 

6)  Chart.  II.   1.  p.  505.  not.  1. 
'^)  Chart.  II.   1.   p.  583. 

8)   Chart.  II.  1  p.   505.      No.   1041.   not.   1. 

^)  Chart.  II.  1.   576.     In  primo    principio,     quando  legi  Sententias. 


—  7  — 

hierbei  üblichen  Collatioi^}  hatte  er  seinen  die  ganze  bis- 
herige Denkweise  geradezu  xunstürzenden  Anschauungen 
Ausdruck  gegeben.  In  Disputationen  mit  dem  Minoriten 
Bemard  von  Arezzo'^)  und  seiinen  Vorlestmgen  gegen^^) 
ihn  setzte  er  die  Bekämpfung  des  AristoteHsmus  fort, 
bis  durch  mehrere  Briefe,  die  Nicolaus  gegen  den  ge- 
nannten Franziskaner  und  dessen  Anhänger ^^^  richtete, 
und  noch  andere  Schriften^^)  der  Schulstreit  in  eine  Sa- 
che der  Oeffentlichkeit  verwandelt  wurde  und  dadurch 
der  Kirche  die  Notwendigkeit  auferlegt  wurde,  zu  dieser 
Angelegenheit  Stellung  zu  nehmen.  Am  21.  November 
des  Jahres  1340  sendet  der  zu  Avigiion  residierende  Papst 
Benedikt  XII.  an  den  Erzbischof  Wilhelm  von  Paris  ein 
Schreiben,  in  dem  er  ihm  mitteilt,  dass  ihm  mehrere  ge- 
gen die  katholische  Glaubenslehre  gerichtete  Sätze  des 
Nicolaus  von  Autrecourt  und  anderer  hinterbracht  seien. 
Zugleich  wird  der  Erzbischof  aufgefordert,  die  Genannten 
innerhalb  eines  Monats  in  AvigTion  erscheinen  zu  lassen.'-^) 
Ob  die  Veranlassung  zu  dieser  Anzeige  bei  der  römischen 
Kurie  allein  der  Eifer  für  die  Glaubensreinheit  gewesen 
sei  oder  ob  nicht,  hierin  wie  in  der  Verurteilung  der  Neid 
eine   Rolle   gespielt   habe,   darüber  lässt   sich  nichts   aus- 


^'^)  Chart.  II.  1.  p.  578  .  .  .  causa  collationis  .  .  -  Ueber  die 
Bedeutung  des  Wortes  ,,collatio"  vergl.  Chart.  IT.  1.  p.  694.  not.  6., 
woduich  die  von  d'Argentr^:  Coli.  jad.  I.  p.  354.  links  unten  ge- 
gebene Erklärung  fällt. 

^^)  Chart.  II.  1.  p.  579.  quando  magister  Bernardus  et  ego 
debuissemus  disputare. 

^^)  Chart.  II.  1.  p.  579.  quando  legeram  in  scholis  contra  ma" 
gistrum  Bernardum  de  Aretia,  ordinis  Fratrum  Minoram. 

^')  Chart.  II.  1.  p.  576.  epistole  .  .  .,  quas  scripsi  contra  Bernardum. 

^*)  Chart.  IL  1.  p.  583.     Multa  etiam  alia  dicitur  scripslsse. 

^^)  Chart.  IL   1.  p.    505.     No.     1041 contra    quos    (sc. 

Nicholaum  et    alios)  apostolatui  nostro     aliqua  catholicam    fideni    tan- 

gentia  sunt  relata, fraternitati  tue   ....  mandamus,  quatenus 

eosdem  magistros  ....  citare  procures,  ut  infra  unius  mensis 
spatium  post  citationem  huiusmodi  personaliter  compareant  corana 
nobis. 


—  8  - 

machen.  Jedoch  berichtet  uns  Peier  von  Ailly,  dass  man- 
che Sätze  des  Nicolaus  verurteilt  seien  „causa  invidiae", 
die  man  später  öffentlich  in  den  Schulen  gelehrt  habe.'*) 
Bald  darauf  starb  Benedikt  XII.,  so  dass  sich  das  Ver- 
fahren gegen  Nicolaus  hinzog  und  erst  wieder  aufgenom- 
men wurde,  als  Clemens  \'I.  am  19.  Mai  1342  zum  Pap 
ste  gekrönt  war.  Dieser  übertrug  die  Leitung  der  An- 
gelegenheit dem  Cardinal  Curti,  der  zu  seiru:r  Unterstüt- 
zung mehrere  Prälaten  und  Professoren  der  Theologie 
berief.^^j  Der  Papst  Clemens^^)  und  Nicolaus^^)  waren 
anwesend.  Zunächst  wurde  über  die  Artikel  verhandelt, 
die  in  den  Antworten  und  Erklärungen  des  Nicolaus  auf 
die  ihm  zur  Last  gelegten  Sätze  enthalten  waren,20j  fer- 
ner über  die  aus  seiner  Schrift :  Exigit  ordo  executionis 
etc.  gezogenen  Sätze,2i]  sodann  über  die  von  Paris  ge-, 
sandten^-)  und  schliesslich  über  die  aus  seinen  übrigen 
Schriften  gezogenen  Artikel. ^^j  Da  nun  das  Processver- 
fahren  gegen  Nicolaus  noch  vor  der  Legationsreise  des 
Cardinais  WÜhelm  Curti  nach  der  Lombardei  stattfand,-*) 
dieser  aber  von  dem  Papste  Clemens  I\'.  am  19.  Juli  des 
Jahres  1342  als  Legat  nach  t.^er  Lombardei  geschickt  wur- 


16)  Prantl:  Gesch.  d.  Logik.  4.  Bd.  Leipzig.  1870  p.  112.  An- 
merkung 4?!*.  quod  multa  fuerunt  condemnat.i  contr.i  eu'u  (sc.  Ni- 
colaum)  causa  invidiae,  qaae  tarnen  postea  in  scholis  publice  sunt 
confessa. 

*'^)  Chart.  II.  1.  g.  580.  vocatis  ....  multis  prelatis  et  doctoribiis 
ac  sacre  theologie  professoribus  et  inagistris. 

^^)  Chart.  II.  1.  p.  580.   coiam  ipso  Domino  nostro  demente  {lapa  \'I. 

^®y  Cliart.  IL  1.  p.  580  ....  articulis  .  .  .  per  ipsuaj  magistrum 
Nicholaum  traditis  ....  cora-u  .  .  .  Domino  nostro  Clemente  papa 
VI.,   cum   eum   sub  oculis  suis  haberet. 

20)  Chart.  II.    l.  p.  580. 

21)  Ciia  t.   II.   1.   p.' 580— 583. 

22)  Chart.  II.  1.  p.  583-584. 

23)  Chart.  II.  1.  p.  576-579. 

2^)  Chart.  II.  1.  p.  580.  .  .  .  antequam  de  mandato  ipsius  Domini 
nostri  ad  partes  Lombardie   cum  plene  legationi^  offi'^io  ivissemus. 

25)  Chart.  II.  1.  p.  587.  not.  15  nach  den  Reg.  Comm.  Xo.  152. 
fol.   27. 


-19- 

de,*^)  so  müssen  die  Verhandlungen  noch  vor  dem  19. 
Juli  1342  geführt  sem.  Einer  Bestrafung  ent/og  sich  Ni- 
colaus durch  die  Flucht  an  den  Hof  Ludwigs  von  Bayern. 
Denn  der  Papst  Clemens  \'I.  beschwert  sich  in  einer 
CoUation  vom  11.  Juli  des  Jahres  1343  darüber,  dass 
der  Hof  Ludwigs  der  Sammelpunkt  aller  Hacret:ker  sei. 
So  habe  auch  Nicolaus  von  Autrecourt  zu  ihm  seine 
Zuflucht  g  enommen,  der  wegen  häretischer  Lehren  ge- 
gen den  heiligen  Stuhl  citieri,  von  der  römischen  Kurie 
geflohen  und  von  Ludwig  freundlich  aufgenommen  gei, 
unter  dessen  Schutze  er  ungestört  seine  Irrlehren  ver- 
kündige.2^)  Diesem  Berichte  bringt  Denifle  grosses  Miss- 
trauen entgegen,  weil  sich  unter  den  verurteilten  Sätzen 
keiner  finde,  der  gegen  den  heiligen  Stuhl  gerichtet  ist, 
und  das  tiefe  Stillschweigen  über  die  Flucht  in  dem  Be- 
richte über  das  Prozessverfahren  allzu  befremdend  sei.^') 
Was  den  ersten  Einwand  betrifft,  so  ist  es  leicht  möglich, 
dass  der  Berichterstatter  über  jene  Collation  die  Irrleh- 
ren, die  Nicolaus  vom  Papste  ganz  allgemein  zur  Last 
gelegt  werden,  zu  Irrlehren  gegen  den  hl.  Stuhl  gemacht 
hat,  wie  ja  üccam  und  manche  andere,  die  .zu  Ludwig 
geflohen  waren,  sich  deren  schuldig  gemacht  hatten.  Ein 
Schluss  von  diesen  auf  Nicolaus  wäre  wohl  denkbar.  Das 
Argumentum  ex  silentio  könnte  allerdings  Zweifel  an  der 
Glaubwürdigkeit  dieses  Berichtes  aufkommen  lassen.  Aber 
dami  wäre  es  unerklärlich,  wie  sich  der  Process  von 
1342 -1346  hinziehen  konnte,  noch  weniger  wüsste  man 
mit  dem  Berichte  selbst  etwas  anzufangen.  Etwa  mit 
Denifle  anzunehmen  (a.  a.  O.),  statt  des  Nicolaus  sei  Wil- 
helm   Occam    gemeint    ,geht    nicht   an,    so    dass    wir   ge- 

*^)  Höfler:  Aus  Avignon,  in  den  Abhandlungen  der  königl.  böhna. 
Ge^ellsch.  d.  Wissensch.  vom  Jalire  1868,  6.  Folge,  2.  Band,  p.  20. 
nach  dem  Cod.  Eichst.  No  269,  p.  494,  Erat  quidam  licentiatus  in 
theologia  et  vocatur  Nicolaus  de  Utricuria  vel  Aurituria,  qui  posuit 
mukös  errores  et  multas  heres  es  contra  istam  sanctam  sedem,  fugit 
de  Ron  ana  curia  et  statim  ab  ipso  receptus  fuit  et  predicat  ibi 
multos  et  magnos  errores  cum  quibasdam  religiosis. 

2')  Chart.  II.  1.  p.  720. 


—  10  — 

zwimgen  sind,  die  Flucht  /u.  Ludwig  \on  Bayern  als  his- 
storisch  verbiirgt  anzunehmen.  Wann  ujid  aus  welchen 
Gründen  er  sich  wieder  in  Avignon  gestellt  hat,  ist  uns 
unbekannt.  Das  Urteil  wurde  in  der  ersten  Hälfte  des 
Jahres  1346  gefällt.  Derui  die  Urteilsverkünd  gung  giebt 
das  Jahr  1346  von  der  Geburt  Christi  an  und  das  4.  Jahre 
des  Pontificates  des  Papstes  Clemens  VI.  an.^^)  Da  nun 
aber  Clemens  am  19.  Mai  1342  zum  Papste,  gekrönt  war, 
so  muss  das  Urteil  vor  dem  19.  Mai  1346  gefällt  sein, 
wahrscheinlich  kurz  vorher,  jedenfalls  im  Mai.  Nach  dem 
einstinunigen  Beschlüsse  des  Collegiums  (omnium  una- 
nimi  consilio)  wurde  Nicolaus  verurteilt,  alle  seine  Schrif- 
ten zu  Paris  öffentlich  zu  verbrennen  und  dabei  die  ver- 
urteilten Sätze  zu  wiederrufen.  Zugleich  musste  er  er- 
klären, die  Bücher  seien  wegen  der  darin  enthaltenen 
censurierten  Stellen  verbrannt  worden,^Oj  yj^(\  feierlich 
schwören,  seine  verworfenen  Ansichten  nicht  mehr  aufrecht 
zu  halten.3^)Ueber  jeden, sowohl  über  Nicohius  als  auch  über 
anjdere,die  sich  diesem  Urte  le  widcrsetzen,vvird  die  Exkom- 
munication  verhängt.  Mit  diesem  Urteile  wurde  Nicolaus 
nach  Paris  geschickt,  und  hier  verbrannte  er  den  Befehlen 
gemäss  am  25.  Nov.  des  Jahres  1347  vor  versammete-m  Vol- 
ke  seine    Schriften,    indem    er    zugleich    die    verworfenen 

*^)  Chart.  II.  1  p.  586.  —  -.  pronuru-iata  fuit  .  .  .  nostra 
senteniia  .  .  .  Aviuione  ....  subaimo  a  Nativitata  Doimne  iDille>imo 
trecentesimo  quadragesimn  serto  .  .  .  pontificatus  dicti  Domiui 
Clementis   papc  VI. 

29)  Chart.  II.   1.  p.  584  —  585. 

30)  Ciiart.  II.  1.  p.  585. 
8l)  Chart.  II.  1.  p.  086. 

32)  Im  Jahre  13  47,  nicht  aber  1348  verbrannte  Nic.olaus  in  Paris 
seine  Schriften.  cfr:  Archiv  ftir  Liiteratur*  und  Kirchengeschichte 
des  M.  A.  V.  Bd.,  p,  324.  nach  den  Reg.  procurat.  nat.  Anglic:  ad 
aunum  1347. 

,,In  die  S.  Edmund!  ....  lüit  facta  congregatio  Universitatis, 
seil,  regentium  et  non  regentinnri,  »pud  Sanctnm  Matürintm  ad  audi- 
endum  literas  papales  et  processus  super  quibusdam  articuHs,  quos 
mag.  Nicholaus  de  Utricuria,  bachalarius  iu  tlieulogia,  die  S.  Katha- 
rine  proximo  sequente  in  sermone  apud  Predicatores  publice  revo- 
cavit,   ahquos   tamquam  falsos,   et  aliquos    tamquam  falsos,   erroneos   et 


-  11  — 

Sätze  feierlich  widerrief ,^2  >  nachdem  einige  Tage  vorher, 
am  20.  November,  die  Universität  von  dem  Processe  gegen 
Nicolaus  Kenntnis  genommen  hatte.  Aus  dem  Lehrkör- 
per der  Cniversität  schied  Nicolaus  dem  Urteile  gemäss 
ebenfalls  aus,  wie  daraus  hervorgeht,  dass  er  am  6.  Au- 
gust 1350  Domdekan  von  Metz  wurde.^^)  Ueber  sein  wei- 
teres  Leben   ist    uns   nichts   bekannt. 

Zweites   Kapitel. 

Die  Schriften  des  Nikolaus. 

Genannt  werden :  i . )  9  Briefe  an  den  Minoriten  Bernard 
von  Arezzo,  von  denen  der  erste,  zweite,  \"ierte,  fünfte, 
sechste,  fsiebente  und  neunte  ausdrücküch  erwähnt  wer- 
den, i) 

2.)  Ein  Brief  an  einen  gewissen  Egidius,  der  auf  die 
beiden    ersten    Briefe    an    Bemard   geantwortet    hatte,^) 

3.)  Eine  Schrift,  deren  Anfang  lautet :  E.xigit  ordo  ex- 
ecutionis,^) 

4.)   Eine   Quaestiode  qua   respx)ndit   magister  X.    de  L'l- 

hereticos.  Et  ibidem  in  sermone  ipsos  articulos  una  cum  uno 
tractatu  suo  secundum  m&ndatum  apostoiicum  idem  magister  Xicho- 
laus  comburcbat.'" 

Damit  fällt  die  Angabe,  die  sich  anf  mehreren  Handschrift  des 
14.  uiid  15.  sacc.  findet,  dass  die  genannten  Artikel  im  Jahre  13-48 
rerurteilt  und  von  Nicolaus  nridei  rufen  seien.  Dieser  Angabe  foli^end 
haben  alle  die  Verurteilung  und  den  Widerruf  ins  Jahr  1348  verlegt, 
so  z.  B.  Jourdain  •  Index  chronol.  p.  144,  obwohl  er  die  Stelle  aus 
den  Reg.  proc.    nat.  Angl.   kurz  vorher  anfährt!, 

Dn  Boxüay:  Hist  Univ.  Par.  Tom.  IV.,  p.  308, 
d'Argentre:  ColL  lud.  Tom.  I.  p.  355, 

Fabricius:  Bibl.  med.     et    inf.    lat.    Tom.    V.  Lib.  XIII.  p.     l36, 
und  nach  ihnen  manche  neuern,   wie  Pramtl.   Gesch.  d.  Logik.  4.  Bd. 
p.  2  und  3  und  Kurd  LalTwitz  u.  a.  m. 
33)  Chart,  n.  1.  p.  505.  Xo.  1041.  not.  1. 
1)  Chart.  IL  1.  p.  579.  scripsi  in  novem  epistolis. 
t)  Chart.  II.  1.  p.  587.  not.  4. 

g)  Chart.  II.  1.  p.  5S3.  Omnes  predicii  articuli  extracti  fuerunt  de 
libello  qui  incipit:   Exigit  etc. 


12 


tricuria:  Utrum  visio  ercature  rationalis  beatificabilis  j>er 
Verbum   possit    intendi   naiuraliter.*) 

5.)  Noch  manche  andere  Schriften,  die  sich  im  Besiize 
eines   Benediktiners   Wicierus   befinden   sollen.^) 

Infolge  der  Verurteilung  sind  die  meisten  Werke  ver- 
loren gegangen.    Erhalten   sind   nur : 

I.)  der  erste  Brief  des  Nicolaus  an  Bernard  von  Arez- 
zo  in:  Bibl.  nat.  Par.  ms.  lat.  16  408.  fol.  22^  und  K .  409 
fol.  42^'  veröffentlic  ht  von  dArgentre:  Coli.  jud.  I.  p. 
358.   dessen   Text   einige    Ungenauigkeiten  aufweist, 

2.)  der  zweite  Brief  an  Bernard  in  ms.  lat.  16408. 
fol.  21r  und   16409.  fol.  39r. 

3.)  der  Brief  an  Egidius  auf  dessen  Brief  an  Nicolaus 
in  ms.   lat.   16408  fol.    113r  und   16409  fol.   49r 

4.)  die  Quaestio,  de  qua  respondit  etc.  in  Bibl.  nat.  Par. 
ms.   lat.   6559.   fol.    191. 

Für  die  Beurteilung  der  Lehre  des  Nicolaus  von  Au- 
trecourt  sind  von  der  grössten  Bedeutung  die  aus  sei- 
nen Werken  gezogenen  Artikel,  die  nach  der  Neuaus- 
gabe von  Daufle  65,  nicht  61  machen,^)  imd  der  Brief 
des  Egidius  an  Nicolaus  auf  dessen  beide  ersten  Briefe 
an  Bernard  von  Arezzo  in  Bibl.  nat.  Par.  ms.  lat.  16408 
fol.     lllr  und   16409     fol.  44r  Benutzt  wurden  zur   vor- 


4)  Chart.  II.   1.  p.  Ö87.  not.   4. 

5)  Chart.  II.  1.  p.  583.  mnlta  alia  opera  sua  (sc.  Nicolai)  di- 
cunter  habere  quidam  Monachus  M.  [....]  Ordinis  sancti  Benedict!, 
qui  vocatur  Wicierus. 

e)  V^eröffenthcht  waren  diese  Artikel  bisher  in  Bibl.  raax.  pat., 
XXVI,  p.  483,  Bulaeus:  IV,  p.  308,  d'Argentre:  I  p.  358.  Denifle 
benutzte  zum  er'^ten  Male  das  Orifjinal  in  der  V^atikanischen  Bib- 
liothek, wodar  h  er  in  den  Stand  gesetzt  war,  alle  auf  das  Process- 
verfahren  beztig.ichen  Xachrii^hten  und  die  Artikel  vollständig  heraus- 
zugrben.  Daher  beträgt  die  Zahl  der  verurteilten  Sätze  bei  ihm  65, 
nicht  61,  wie  hui  den  frtihert-n  Herausgebern.  Hurter:  Nomtncl.  litt. 
Tom.  IV.  p.  447.     Anm.  4  giebt  ebenfalls  nur  61  Artikel  an. 

7)  Dieser  Brief  ist  veröffentlicht  von  Haureaii  in  den  Noiices  et 
extraits  des  Manuscri'.s  de  la  Hihiioihcnue  nationale  XXXIV.  2  p. 
332.  Bei  der  Verglt-ictiung  dieser  Ausgabe  mit  dem  Manuskripet 
fanden  sich  mehr  als  (>  0    zum  1  ed  -innverwirrende  Fehler.    Zugleich 


—  13  — 

liegenden  Arbeit  :die  von  Denifle  vollständig  veröffentlich- 
ten Sätze,  wie  sie  von  dem  R  chterco'.l.  g  um  verurteilt  wor- 
den sind,  und  die  beiden  Handschriften  16408  und  16409, 
die  von  der  Pariser  Nationalbibliothek  zur  Verfügung  ge- 
stellt waren,  so  dass  dadurch  der  zweite  Brief  an  Ber- 
nard und  die  Antwort  auf  den  Brief  des  Egidius  sowie 
die  Mitteilung  des  Johannes  von  M  recuria  über  die  An- 
sicht des  Nicolaus  über  das  Causalitätsprincip  (16409. 
fol.  132.)  zum  ersten  Male  zur  Darstellung  benutzt  wer- 
den konnten.  Die  Quaestio  de  qua  etc.  zur  Darstellung 
zu  benutzen,  schien  wegen  ihres  theologischen  Charakters 
unnötig  zu  sein. 


Die  Lehre  des  Nikolaus  von   Autrecourt. 

Erstes  Kapitel. 

Die  Principien  seiner  Lehre. 
In  dem   Streite   zwischen  Realismus  und  Nominalismus 
stellt   dich    Nicolaus   auf    die    Seite    des   letztern    und    ist 


dürfte  es  an  dieser  Stelle  angebracht  sein,  noch  einige  andere  Un- 
genauigkeiten,  die  sich  bei  Haureau  (a.  a.  O.)  finden,  zu  berichtigen. 
Zunächst  giebt  er  die  Reihenfolge  der  beiden  ersten  Briefe  an  Ber- 
nard umgekehrt  an,  verleitet  durch  die  Reihenfolge  in  den  Manus- 
kripten, während  doch  schon  d'Argentre,  auf  den  Haureau  selbst  hin- 
weist, auf  diesen  Fehler  aufmerksam  gemacht  und  die  Reihenfolge 
richtig  angegeben  hatte.  Unbegreiflich  aber  ist  folgende  Flüchtigkeit  : 
In  seinem  kurzen  Referate  über  den  zweiten  Brief  an  Beruard  (a.  a. 
O.  p.  332.)  lässt  er  Nicolaus  behaupten,  dass  alle  gewisse  Erkenntnis 
aus  dem  einen  Satze  fliesse  :  Gott  ist  (que  toute  notion  certaine 
derive  de  cette  unique  proposition:  Dieu  est.)  Man  traut  seinen 
Augen  kaum,  da  sich  in  dem  ganzen  Briefe  der  Name  Gottes  nur 
einmal  und  zwar  ganz  am  Schlüsse  findet.  Diese  falsche  Angabe 
lässt  sich  nur  daraus  erklnren.  dass  er  das  pnmum  principium  logi- 
cum  mit  dem  pr.  princ.  ontologicum  verwechselt  hat.  Bei  einiger 
Aufmerksamkeit  hätten  ihn  die  weiteren  Ausführungen  in  seiner  An- 
sicht wankend  machen  müssen.  Und  wenn  Haureau  (a.  a.  O.  p. 
340.)  Nicolaus  behaupten  lässt,  .Aristoteles  habe-  den  zweiten  Sub- 
stanzen eine  geringere  Gewissheit  zugesprochen  als  den  ersten,  so  ist 
das  Gegenteil  der  Fall. 


—  14  — 

daher  darauf  bedacht,  den  Realismus  in  seinen  Grundlag  jn 
zu  erschüttern,  d.h.  die  Lehre  von  den  abstrakten  Sub- 
stanzen als  irrig  und  grundlos  zu  erweisen. ^j  Zu  diesem 
Zwecke  unterwirft  er  die  herkömmlichen  Anschauungen 
einer  strengen  Prüfung  u.id  kommt  bei  der  Analyse  und 
Zuibckführung  des  Wisscjis  auf  zweifellos  gewisse  Särze 
zu  einem  letzten,  an  sich  evidenten  Denkgesetzes,  nämlich 
dem  Princip  des  Widerspruchs,  dass,  wie  er  es  in  den 
Disputationen  mit  Bernard  von  Arezzo  formuliert,  etwas 
unmöglich  in  demselben  Dinge  sein  und  nicht  sein  kön- 
nen,^j  oder,  nach  der  Formulierung  im  zweiten  Briefe 
an  den  genannten  Miiioriton,  zwei  contradiktorische  Ge- 
gensätze nicht  zu  gleicher  Zeit  wahr  sein  können.^)  Dies 
ißt  das  oberste  Denkgesetz  sowohl  in  negativer  Hinsicht, 
dass  keins  früher  ist  als  dieses,  als  auch  nach  der  po- 
sitiven Seite  hin  insofern,  als  es  früher  ist  als  jedes  an- 
dere.*) Denn  all  unsere  Gewissheit  lässt  sich  auf  jenes 
Denkgesetz  zurückführen,  es  selbst  aber  lässt  sich  auf 
kein  anderes  zurückführen.  Es  ist  also  das  erste  Denkge- 
setz in  jener  doppelten  Beziehung.^)  Gäbe  es  nämhch 
irgend  einen  Satz,  der  diesem  Princip  nicht  unterworfen 
wäre,  der  sich  also  nicht  darauf  ziu-ückführen  liesse,  's© 
wäre  es  möglich,  dass  ich  etwas  für  wahr  hielte,  während 


1)  Ms.  16409.  fol.  39r  ....  subtilitatis  vestre  profunditas  ad- 
miranda  menti  mee  redderetur,  si  scirem,  vos  habere  e^^dentem  notitiam 
de  substantiis  abstractis. 

2)  Chart.  II.  1.  p.  579.  Aha  cedula  in  der  Mitte :  quando  m»- 
gister  Bernardus  ...  et  e^o  debuissemus  dispatare,  concordavimus  ad 
invicem  disputando  conferre  de  primo  ....  principio.  .  .  .  .quod  est: 
,,Impossibile   est  aliquid  eidem  rei  inesse   et  non  inesse." 

3)  Ms.  16409.  fol.  39v.  Et  primum,  quod  occurrit  in  origine  dicen- 
dorum,   est  istud  primum  ■   ,,Contradictoria  non  possunt  simul  esse  vera." 

4)  Ms.  16409.  fol.  39v.  Istud  est  primum  principium  negative 
exponendo,  quo  nichil  est  prius,  ....  istud  est  primum  affirmativ« 
vel  positive,   quod  est  quocumque   alio   prius. 

5)  Ms.  16409.  fol.  39v.  Omnis  certitodo  a  nobis  habita  resolvitur 
in  istud  principium,  et  ipsum  non  resolvitur  in  aliquod  aliud  ,  .  .; 
igiiur  sequitur,   quod  ipsum  est  primum  duplici  primitate. 


-  15  - 

das  Gegenteil  der  Fall  ist.  Denn  es  wäre  ja  dann  gar 
nicht  einzusehen,  warum  nicht  zu  gleicher  Zeit  das  Ge- 
genteil einer  Behauptung  wahr  sein  sollte.  Dann  aber 
gäbe  es  überhaupt  keine  Gewissheit,  und  das  Ende  wä- 
re der  absolute  Skepticismus.^)  Es  muss  also  jeder  Satz 
diesem  Denkgesetze  unterworfen  sein,  es  selbst  aber  lässt 
sich  auf  kein  anderes  zurückführen,  weil  es  eben  keinen 
Satz  giebt,  der  nicht  auf  jenes  Princip  zurückgeführt  wer- 
den müsste."^)  Das  Resultat  dieser  Erörterungen  ist  so- 
mit, dass  das  Princip  des  Widerspruchs  das  erste  Denk- 
gesetz ist  in  der  angegebenen  doppelten  Beziehung.  Da 
nun  all  unsere  Gewissheit  auf  dieses  Denkgesetz  zurück- 
geführt wird,  also  in  ihm  gründet,  so  giebt  es  auch 
nur  eine  Gewissheit  kraft  dieses  Princips,  d.h.  eine  Ge- 
wissheit schlechthin,  dass  nämlich  das  Gegenteil  denk- 
unmöglich ist.  Wenn  daher  etwas  bewiesen  ist,  so  ist 
es  schlechthin  bewiesen,  und  es  ist  durchaus  unmöglich, 
dass  etwa  das  Gegenteil  des  Bewiesenen  mit  dem,  woraus 
es  abgeleitet  ist,  bestehen  könnte.^)  Mithin  giebt  es  keine 
Grade  der  Gewissheit,  weil  ja  all  unsere  Gewissheit  eine 
Gewissheit  schlechthin  ist.  Wenn  z.  B.  eine  evidente  Ge- 
wissheit über  zwei  Sätze  vorhanden  ist,  so  ist  der  eine 
Satz  nicht  gewisser  als  der  andere.  Denn  die  beiden  Sätze 
werden  entweder  gleich  uiunittelbar  auf  das  Princip  des 
Widerspruchs  zurückgeführt,  so  dass  nicht  einzusehen  ist, 
weshalb  der  eine  vor  dem  andern  eiaen  Vorzug  verdienen 


e)  Ms.  16409.  fol.  39v.  Possibile  est  sine  aliqua  contradictione, 
que  exinde  seqaatur,  quod  apparebit  tibi  sie  esse  et  tarnen  nun  sie 
erit ;  igitur  non   est  certus  evidenter,  quod  sie  sit. 

7)  Ms.  16409  fol.  39v.  Omnia  resolvuntur  in  ipsum,  ut  dictum  est, 
et  sequitur:  Istud  est  prius  omni  alio,  quod  non  est  ipsum;  ergo 
nichil  est  eo  prius. 

s)  Ms.  16409.  fol.  39\'.  quod  certitudo  evidentie  ....  est  cer- 
tltudo  simpliciter,  quia  est  certitudo  habita  virtute  primi  prineipii  .... 
quod  demonstratum  est  .  .  .,  est  demonstratum  simpliciter  nee  per 
aliquam  potentiam  posset  fieri,  quod  opposi.um  eonsequentis  staret 
simul  cum  autecedente. 


—  16  — 

soll,  oder  der  eine  mittelbar  und  der  andere  unmittelbar. 
Aber  auch  dann  ist  die  Evidenz  der  Sätze  dieselbe,  weil 
sie  eben  auf  dasselbe  erste  Denkgesetz  zurückgefühn  wer- 
den. So  sind  auch  die  Lehrsätze  der  Geometrie  gleich 
e%'ident.  wenn  auch  vielleicht  infolge  der  grossem  An- 
zahl der  Ableitungen  auf  den  ersten  Blick  die  Evidenz 
des  einen  nicht  so  unmittelbar  einleuchtet  wie  die  des 
andern.^ ;  Somit  liaben  wir  eine  Gewissheit,  nur  von  dem 
ersten  Denkgesetze  und  allen  den  Sätzen,  die  sich  darauf 
zurückführen  lassen.  Denn  die  Gewissheit  besteht  eben 
darin,  dass  nichts  Falsches  in  ihr  enthalten  ist.  Wäre 
letzteres  aber  der  Fall,  so  würde  daraus  folgen,  da^s  je- 
mand etwas  für  gewiss  hielte,^  dessen  Gegenteil  ohne  Wi- 
derspruch wahr  wäre,  und  damit  wäre  dann  alle  Ge- 
wissheit aufgehoben.  1^;  Es  muss  sich  daher  alle  Gewiss- 
heit auf  das  erste  Denkgesetz  zurückführen  lassen,  und 
damit  dies  möglich  ist,  muss  irgend  eine  syllogistische 
Form  unmittelbar  in  jenes  Gesetz  aufgelöst  werden.  Denn 
entweder  geschieht  die  Zurückführung  unmittelbar,  und 
dann  besteht  unsere  Behauptung  zu  recht,  oder  mittelbar, 
und  dann  kommen  wir  zu  einem  processus  in  infinitum 
oder   aber    zu    einem    Syllogismus,    der    sich    vmmittelbaj- 


9)  Ms.  16409.  fol.  40v.  quod  certitudo  evident;'»  non  habet  gradus, 
ut  si  sint  due  cooclusiones,  de  quarum  qualibet  suraus  certi  evidenter, 
non  luinus  magis  certi  de  una  quam  de  alia,  nam  etc.  —  —  Vel 
igitur  ille  prime  conrlusiones  eque  immediate  reducuntur  in  idem 
primum  principium  et  ita  non  est,  ande  magis  simus  certi  de  una 
qnam  de  alia,  vel  una  mediale  ft  alia  immediate,  et  hoc  non  obstat, 
quia  reductione  facta  in  primum  principium  eque  certi  sumus  de  una 
sicnt  de  alia. 

10)  Ms.  16409.  fol.  -40r.  Xulla^  est  alia  certitudo  nisi  certitudo 
prini  principii  vel  que  in  primum  principium  potest  resolvi.  Nam 
nulla  est  certitudo  nisi  illa,  cui  non  subest  falsum,  quia,  si  esset  aliqua, 
cuiposset  subesse  falsum,  ....  sequitur,  quod  aliquis  erit  certus  de  eo, 
cuiiis  oppositum  suie  contradictione  est  verum. 


-  17  — 

darin  auflöst.^!)  Nur  der  letzte  Fall  ist  möglich,  da  ein 
Processus  in  infinitum  die  vollständige  Vemichtvmg  je- 
der gewissen  Erkenntnis  wäre.  In  diesem  auf  das  Gesetz 
des  Widerspruchs  unmittelbar  zurückgeführten  Syllogis- 
mus muss  das  Consequcns  (d.h.  das,  was  geschlossen 
wird)  mit  dem  Antecedens  (d.h.  das,  was  geschlossen 
schlössen  wird,)  ganz  oder  t'nlweise  identisch  sein.  Denn 
ohne  diesen  innigen  Zusammenhang  zwischen  Consequens 
und  Antecedens,  der  in  der  ganzen  oder  teilweisen  Iden- 
tität besteht,  wäre  nicht  einzusehen,  warum  gerade  die- 
ses Consequens  aus  dem  Antecedens  folgt,  warum  nicht 
auch  das  Gegenteil  dieses  Consequens  aus  dem  Antece- 
dens folgen  sollte.  Dann  aber  gäbe  es  überhaupt  keine 
Gewissheit  mehr,  weil  in  jedem  Schlüsse  zu  befürchten 
wäre,  dass  auch  das  Gegenteil  des  Consequens  wahr  sein 
könnte,  und  all  pnser  Wissen,  das  auf  demonstrativem, 
Wege  gewonnen  wird,  wäre  damit  aufgehoben. ^2)  Es  ist 
also  notwendig,  dass  das  Consequens  und  das  Antecedens 
ganz  oder  teilweise  identisch  seien.  Hieraus  folgt  nun,  dass 
überhaupt  in  jedem  Schlüsse  das  (Consequens  mit  dem 
Antecedens  ganz  oder  teilweise  identisch  sein  muss  und 
das  Consequens  jedes  Schlusses,  der  sich,  wenn  auch 
durch  noch  so  viele  Mittelglieder,  auf  das  erste  Denk- 
gesetz zurückführen  lässt,mit  dem  erstenAntecedens  iden 
tisch  sei.  Nehmen  wir  z.  B.  an,  dass  ein  Satz  sich  durch 
Schlüssse  als  Mittelglieder  auf  die  Gewissheit  des  ersten 
Denkgesetzes    zurückführen    lässt,    so    ist    in    dem    ersten 

11)  Ms.  16409.  fol.  40r.  Aliqua  forma  syllogistica  est  immediate 
reducta  in  primum  principium,  c^uia  hac  demonstrata  conclusio  vel  est 
immediate  reducta,  et  sie  propositum,  |vel  "mediate,  et  sie  erit  Pro- 
cessus in  inlinitum,  vel  oporteret  devenireTad  aliquam,  que  immediate 
sit    in  primum  principium     reducta. 

12)  Ms.  16409,  fol.  4Ür.  In  oumi  consequentia  immediate  leducta  in 
primum  principium  consequens  et  ipsum  totum  autecedeus  vel  pars 
ipsius  atitecedentis  sunt  idem  realiter,  quia  si  sie  non  esset,  tunc  non 
esset  immediate  evidens  quin  sine  coiitradictione  antecedens  et  oppo- 
situm  coiisequentis  possunt  siiuul  stare  in  veritate. 


--  18  — 

Schlüsse  das  Consequens  mit  seinem  .Ajitecedens,  ebenso 
im  z^veiten  und  nicht  weniger  im  dritten  Schlüsse  ganz 
oder  teilweise  identisch,  und  so  muss  das  Consequens 
des  letzten  Schlusses  mit  dem  ersten  Antecedens  iden- 
tisch sein.  Somit  ergiebt  sich  denn  als  Resultat  dieser 
Erörterungen,  dass  in  aJlen  auf  die  Gewissheit  des  er- 
sten Denkgesetzes  zurückführbaren  Schlüssen  das  letzte- 
re oder  sonst  ein  mittleres  Consequens  mit  dem  ersten 
Antecedens   identisch   sein   muss.^.) 


Zweites  Kapitel. 

Das   Causalitätsprincip. 


Aus  diesen  grundlegenden  Principien  seiner  Lehre  zieht 
Xicolaus  hinsichtlich  der  Hauptprobleme  der  Philosophie 
Folgerungen,  die  den  herkömmlichen  Anschauungen  der 
Schule  direkt  entgegengesetzt  sind.  Es  ist  selbstverständ- 
lich, dass  er  seine  Aufmerksamkeit  zunächst  dem  Grund- 
dogma der  aristotelisch-  schalastischen  Philosophie,  näm- 
lich dem  Causalitätsprincip  zuwendet,  und  nach  jenen 
oben  aufgeführten  Erörterungen  kann  es  nicht  mehr  zwei- 
felhaft sein,  dass  er  es  verwirft.  Daraus,  dass  das  Da- 
sein einer  Sache  erkannt  ist,  kann  nicht  das  Dasein  ei- 
ner andern  geschlossen  werden,^)  sagt  Nicolaus.  Denn  in 


13)  Ms.  16409.  fol.  40r.  In  omni  consequentia  evidenti  reducibiH  in 
primam  principium  per  quotvis  media  consequens  est  idem  realiter 
cjm  autecedente  vel  cum  parte  significati  per  autecedens.  Osten- 
ditur  siCj  quia  si  ita  sit,  quod  aliqua  corclusia  reducatur  per  tria 
media  in  certiludinem  primi  principii,  consequens  erit  idem  realiter 
cum  autecedente  vel  cum  parte  significati  per  auteceden^  ....  et 
similiter  in  secanda*.  ...  et  in  tertia  similiter,  ....  sie  a  primo 
ad  ultimum  sequitur,  quod  in  istis  consequentiis  ordinatis  ultimum 
consequens  erit  realiter  idem  cum  primo  autecedente  vel  cum  parte 
significati  per  autecedens. 

1)  Ms.  104:09.  fol.  40v.  Ex  eo,  quod  aliqua  res  est  cognita  esse, 
non  potest  evidenter  evidentia  reducta  in  primum  principium  vel  in 
certitudinem  primi  principii  inferri,   quod  alia  res  sit. 


—  19   — 

diesem  Schlüsse  ist  das  Consequens  mit  dem  Antccedeens 
weder  ganz  noch  teilweise  identisch- .  Nun  können  aber, 
wie  vorher  auseinander  gesetzt  ist,  nur  die  Sätze  Ge- 
wissheit beanspruchen,  die  sich  auf  das  Gesetz  des  Wider- 
spruchs zurückführen  lassen,  dass  nämlich  die  Bejahtmg 
und  Verneinung  desselben  Prädikates  bezüghch  dessel- 
ben Subjektes  unmöglich  ist.  Wenn  aber  daraus,  dass 
ein  Ding  ist,  geschlossen  wird,  dass  ein  anderes  sei,  also 
deshalb,  weil  einem  Dinge  ein  bestimmtes  Prädikat,näm- 
lich  das  des  Daseins,  zukommt,  dieses  selbige  Prädikat 
auch  einem  andern  Dinge  beigelegt  wird,  so  ist  es  ohne 
Widerspruch  denkbar,  dass  dieses  Prädikat  dem  andern 
Dinge  nicht  zukommt.  Denn  das  Consequens  ist  \xm  dem 
Antecedens  durchaus  verschieden,  und  was  daher  dem 
Consequens  beigel^t  und  abgesprochen  wird,  davon  wird 
das  Antecedens  gar  nicht  berührt.  Dies  la-äre  nur  dann 
der  Fall,  wenn  das  Consequens  mit  dem  -Antecedens  ganz 
oder  teilweise  identisch  wäre.  Es  ist  also  wohl  mögüch. 
dass,  wenn  aus  dem  Dasein  einer  Sache  das  Da- 
sein einer  andern  geschlossen  wird,  das  Gegenteil 
des  Consequens  der  Fall  ist,  und  damit  kann  dieser  Schluss 
nicht  die  Gewissheit  des  ersten  Denkgesetzes  beanspru- 
chen, weil  ja  eben  darin,  dass  der  einen  Sache  das  Dasein 
beigel^t,  der  andern  abgesprochen  wird,  gar  keine  Be- 
jahung und  Verneinuaag  desselben  Prädikates  bezüghch 
desselben  Subjektes  enthalten  ist.  G^en  diese  Beweis- 
führung hatte  der  Minorit  Bemard  \x>n  Arezzo  den  Ein- 
wand erhoben,  dass  zwischen  dem  Antecedens  und  dem 
Gegenteil  des  Consequens  zwar  keine  formelle,  ^x>hl  aber 
eine    virtuelle    Contradiktion    bestände,    aus    der   die    for- 


s)  Ms.  16409.  fol.  -kh*.  In  tali   consequentia,  in  qua  ex  nna  re  inl 
fertur  alia.   consequens  non  esset  idem    realiter    com     antecedente    ve 
ciun  parte  significati  per  antecedens. 


—  20   - 

melle  abgeleitet  werden  könnte.^)  Doch  dem  erwidert  Ni- 
colaus, dass,  wenn  aus  dem  Antecedes  und  dem  Gegen- 
teil des  Consequens  eine  formelle  Kontradiktion  gefol- 
gert werden  soll,  diese  nur  zwischen  den  Folgerungen 
aus  jenen  bestehen  könnte.^)  Diese  Folgerungen  sind  nun 
mit  jenen  Sätzen  identisch  oder  nicht. ^)  Sind  sie  mit 
ihnen  identisch,  so  ist  nicht  einzusehen,  wie  zwischen  den 
Folgerungert  eine  formelle  Condradiktion 'bestehen  soll, 
während  sie  doch  zwischen  jenen  beiden  Sätzen,  aus  denen 
sie  abgeleitet  und  mit  denen  sie  identisch  sind,  nicht  be- 
steht.^jSind  sie  aber  davon  \  erschieden,so  wird  von  einem 
Dinge  auf  ein  anderes,davon  verschiedenes  geschlossen.  Es 
wäre  dann  möglich,dass  das  Gegenteil  des  Consequens  und 
das  Antecedens  zugleich  wahr  wären,  es  btstä.  de  dann  zwi- 
schen diesen  beiden  Sätzen  keine  formelle,  sondern  blos 
virtuelle  Condradiktion,  aus  der  erst  die  formelle  wie- 
der abgeleitet  werden  müsste,  und  so  käme  man  schlies- 
lich  zu  einem  processus  in  infinitum."^)  Es  muss  daher 
in    einem    evidenten    Schlüsse    das    Consequens    und    das 


3)  Ms.  16409.  fo!.  -tOv.  Sed  respondet  Bernardu«;  dicens,  quod, 
licet  ibi  m)n  sit  contradictio  formalis  propter  causam  dictam.  tamei; 
est  contratlictio  virtualis;  virt  ialem  aatem  contradictionem  appellat, 
ex  qua  potest  evidenter  inferri  formalis. 

4)  Ms.  16409.  fol.  40v.  Si  igitur  ex  istis  propositionibus  :  ,,A  est,  B 
non  est"  pt)sset  contraiictio  formalis  evidenter  inferri,  vel  igitur 
hoc  esset  recipienlo  const-quens  vel  consequentia  unius  istarum  pro- 
positionum   vel   utriusque  istarum  propositionum. 

5)  Ms.  16409.  fol.  71r,  Xam  ipsa  consequentia  vel  essent  idem 
realiter    cum  ipsis   autecedentibus   vel  non. 

e)  Ms.  16409.  fol.  41r.  Si  eadem,  ....  non  erit  contradictio  for- 
malis inter  ipsa  consequentia  ...  —  sicut  nee   inter  autecedentia. 

7)  Ms.    16409.  fol.  41r.   Si  autem  dicatur,     quod    ista     consequentia 

differrent  a  suis  autecedentibus  .   .,  sicut  prius oppositum 

consequentis  posset  stare  cum  quolibet  significato  per  autecedens  sine 
contradictione.  Et  si  dicatur,  quod  est  contradictio  virtualis,  ex  qua 
potest  inferri  formalis,  procedetnr  ut  prius  et  ita  procederetur  in 
iuQnitxim. 


—  21  — 

Antecedens  ganz  oder  teilweise  identisch  sein.^)  Damit 
ist  selbstv'erständlich  gar  nicht  gesagt,  dass  das  Gegen- 
teil des  Consequens  das  contrad.ktorische  Gegenteil  des 
Antecedens  ist.  Denn  in  manchen  Schlüssen  ist  das  An- 
tecedens umfangreicher  als  das  Consequens,  ind^^m  letz- 
teres nur  ein  Teil  des  Antecedens  ist,  und  das  Antecedens 
und  das  Gegenteil  des  Consequens  können  beide  zugleich 
sein.  Es  wird  vielmehr  nur  behauptet,  dass  in  einem 
evidenten  Schlüsse  das  Gegenteil  des  Consequens  und  das 
Antecedens  oder  ein  Teil  desselben  in  contradiktorischem 
Gegensatze  stehen  müssen,  weil  in  dem  Schlusssatze  kein 
Terminus  steht,  der  nicht  auch  in  den  Prämissen  ent- 
halten wäre,  so  dass  das  Gegenteil  des  Schlusssatzes  und 
etwas,  was  durch  die  Prämissen  bezeichnet  ist,  in  con- 
tradictorischem    Gegensatze    stehen.^*) 

Die  Unmöglichkeit,  von  dem  Dasein  eines  Dinges  auf 
das  Dasein  eines  andern,  davon  verschiedenen  Dinges 
zu  schliessen,  leuchtet  auch  durch  folgende  Beweisführung 
sein:  In  jedem  Schlüsse  kann  die  Identität  der  beiden 
äussern  Begriffe  mit  einander  nicht  grösser  sein  als  ihre 
Identität  mit  dem  Mittelbegriffe,  weil  die  Identität 
mit      einander     nur     durch      die     Identität       mit      dem 


g)  Ms.  16409.  fol.  4:lr.  Oportebit  dicere,  quod  in  consequentia 
evidenti   simpliciter  consequens  sit  idem  ....  cum  autecedente. 

g:^)  Ms.  16409.    fol.  4lr non    volo    dicere,  qaod    oppositum 

consequentis  debeat  esse  contradictorium  antecedenti;  nam  in  multis 
consequentiis  antecedens  potest  plas  significare  quam  consequens 
.  ...  et  ...  .  oppositum  c«nsequenti5  et  antecedens  possunt  simul 
esse  falbSi,  sed  volo,  quod  in  consequentia  evidenti  oppositum  conse- 
quentis et  autecedens  vel  significati  eius  opponuntur  contradictorie, 
....  cum  nuUus  terminns  recipiatur  in  conclusione,  quin  fuerit  re- 
ceptus  in  premissis,  et  ita  oppositum  conclusionis  et  aliquod  signi- 
ficatum  per  premissas  opponuntur  coniradictorie. 

9)  Ms.  16409.  fol.  41r.  Nunquam  virtute  alicuius  consequeiitie 
potest  inferri  maior  ydemptitas  extremorum  ad  invicem  quam  sit 
extremorum  ad  medium,  quia  hoc  non  infertur  nisi  virtute  illius.  Sed 
oppositum  huius  continget,  si  ex  eo,  quod  una  res  est  ens,  posset 
evidenter  inferri,  quod  alia  res  esset  ens,  quia  conclusionis  predicatum 
et  subiectum  significant  idem  realiter,  ista  vero  non  sunt  idem  re- 
aliter   cum    medio,     quod    ponitur  alia  res. 


—  22  — 

Mittelbegriffc  erschlossen  wird.  Gegen  diese  Regel  aber 
wird  Verstössen,  wenn  von  dem  Dasein  eines  Dinges  auf 
das  Dasein  eines  andern  geschlossen  wird.  Denn  in  die- 
senn  Falle  wird  in  dem  Schlusssatze  das  Prädikat  einem 
Subjekte  deshalb  beigelegt,  weil  dasselbe  Präd.kat,  näm- 
lich das  des  Daseins,  in  den  Prämissen  einem  andern 
Subjekt  zukommt.  Das  Subjekt  des  Schlusssatzes  ist  aber 
von  dem  der  Prämissen  verschieden,  und  so  besteht  zwar 
in  dem  Schlusssatze  eine  Identität  von  Subjekt  und  Piä- 
dikat  mit  einander,  aber  nicht  mit  dem  Mittelbegriffe, 
weil  dieser  ja  von  dem  Subjekte  des  Schlusssatzes  ver- 
schieden ist.  Der  Schluss  von  dem  Dasein  eines  Dmges 
auf  das  andere  ist  mithin  nicht  evident. ^j 

Wenn  aber  jemand  gegen  diese  Beweisführung  m.t  Grün- 
den kämpft,  die  der  Erfahrung  entnommen  sind,  wie : 
Es  gicbt  eine  bestimmte  Qualität,  also  giebt  es  auch  einen 
Gegenstand,  der  diese  Qualität  trägt,  wed  sie  sonst  nicht 
sein  könnte,  oder:  Ein  Gegenstand  ist  jetzt  zum  ersten- 
mal, also  giebt  es  einen  andern  Gegenstand,  von  dem  er 
ins  Dasein  gesetzt  ist,  oder :  Das  Feuer  ist  an  Werg 
herangebracht,  also  wird  der  Werg  brennen,  so  ist 
darauf  zu  erwidern,  dass  diese  Einwände  entweder  gar 
nicht  zur  Sache  gehören  oder,  wenn  doch,  gar 
nichts  beweisen.  Denn  entweder  ist  in  diesen  Schlüssen 
das  Consequens  mit  dem  Anteredens  identisch,  und  daim 
wird  nichts  gegen  die  Ausführungen  des  Nicolaus  damit 
bewiesen,  oder  aber  das  Consequens  und  das  Antecedens 
siBd  nicht  identisch. In  diesem  Falle  aber  könnic  das  Gegen- 
teil  des   Consequens   und   des   Antecedens   zugleich   wahr 

lo)  Ms.  16409.  fol.  4:lr.  Sed  contra  propositam  regulam  instat  Ber- 
nardu?,  quia  sequitur  evidenter  .  .  .  .:  Albedo  est,  ergo  alia  res  est 
etc.  —  .  .  Ad  istas  iastantias  dico,  quod  .  .  .  vel  oportet,  quod 
dicat,  quod  noa  sit  ad  propositum,  vel  quod  si  sunt  ad  propositum, 
nichil  tarnen  concludnnt  .  .  .  .,  quia  vel  in  talibus  consequentiis  .... 
consequens  est  idem  realiter  ....  cnm  toto  autecedente  .  ,  .  .,  et 
sie  niohil  ad  propositum,  .  .  .  si  vero  dicatur,  quod  conseqens  non 
est  idem  cum   autecedente   .   .   .   .,   talis   consequeniia  non  est    evidens. 


-  23  — 

sein,    und   es   gäbe   dann   keine   evidente    Gewissheit,    wie 
oben  gezeigt   wurde. ^o) 

Gegen  diese  Anschauungen,  die  Nicolaus  in  seinem 
zweiten  Briefe  an  Bernard  von  -\rezzo  dargelegt  hatte, 
trat  ein  gewisser  Egidius  in  einem  offenen  Schreiben 
an  Nicolaus  auf.  Indem  er  unsere  intellektuelle  Erkennt- 
nistätigkeit einteilt  in  die  Apprehension,  Division  und  Kom- 
position imd  die  Apprehension  wieder  in  die  präcisivj, 
durch  die  ein  Ding  mit  .A.usschluss  jedes  andern,  \on 
ihm  verschiedenen  erfasst  wird,  und  m  die  coaccepta- 
tive,  durch  die  ein  Ding  zugleich  mit  einem  andern  er- 
fasst wird,  sucht  er  durch  die  Tätigkeit  der  letztern  zu 
beweisen,  dass  es  wohl  möglich  ist,  aus  dem  Dasein  ei- 
nes Dinges  auf  das  Dasein  eines  andern  zu  schlicssen.^^j 
Denn  in  der  coacceptativen  Apprehension  werden  in  ei- 
nem einzigen  Erkennnmissakte  zwei  von  cinandar  ver- 
schiedene Dinge  erfasst,  deren  jedes  für  sich  allein  be- 
trachtet werden  kann,  die  aber  beide  in  einem  derartigen 
Zusammenhange  stehen,  dass  aus  dem  einen  das  andere 
geschlossen  werden  kann.  So  ist  z.B.  die  Beziehung  et- 
was von  ihrem  tTerminus  \'erschiedenes,  aber  gleichwohl 
kann  die  Beziehung  nicht  ohne  den  Terminus  erfasst 
werden,  weil  eben  das  Wesen  der  Beziehung  in  ihrem 
„Bezogensein  auf  etwas  anderes"  besteht,  so  dassj,  wer 
die  Beziehung  erfasst,  notwendig  auch  den  Terminus  mit- 
erfassen muss.  Es  wird  hier  also  aus  einem  Dinge  ein 
anderes  erschlossen,  und  dieser  Schluss  ist  ganz  evident, 
weil  ja  das  Consequens  mit  dem  Antecedens  teilweise 
identisch    ist,    wenn    es    auch   nicht    gerade    ein    quantita- 


il)  Ms.  16409.  foU.   46r.  und  46v. 


—  24  — 

tiver  Bestandteil  ist.**) 

Gegen  einen  solchen  Gegner  hatte  Nicolaus  ein  leich- 
tes Spiel,  denn  die  Polemik  des  Egidius  trifft  gar  nicht 
die  Sache,  wäe  auch  Nicolaus  bemerkt. ^^) 

Es  war  nun  behauptet  worden,  dass,  weno  es  irgend 
ein  Wort  oder  irgend  einen  Satz  gäbe,  der  nur  ein  einziges 
Ding  bezeichnet,  daraus  nicht  ein  anderes  geschlossen 
werden  könnte, i-^)  und  dass  daher  in  jedem'  Schlüsse  das 
Consequens  und  das  Antecedens  ganz  oder  teilweise  iden- 
tisch sein  müssten.  Ganz  dasselbe  behauptet  Nicolaus. 
Denn  in  dem  Begriffe  der  Beziehung  liegt  der  Terminus 
schon  eingeschlossen,  und  wenn  daher  von  der  Bezie- 
hung auf  den  Terminus  geschlossen  wird,  so  ist  das  Con- 
sequens mit  dem  Antecedens  teilweise  identisch. ^^)  Man 
kann  daher  in  diesem  Falle  auch  gar  nicht  sagen,  dass 
aus  einem  Dinge  ein  anderes  geschlossen  wird,  weil  ja 
das  Consequens  schon  in  dem  Antecedens  enthalten  ist.^^) 
Wenn  z.B.  die  Vaterscliaft  und  deren  Terminus  in  einem 
einzigen  Erkenntnisakte  erfasst  werden  und  daraus  der 
Terminus  geschlossen  wird,  so  kann  man  gar  nicht  sagen, 


12)  Ms.  16409.  fol.  -iBv.  .  .  .  positis  duabus  rebus,  que  due  sun  t 
qualibet  precisiva  sumpra,  tunc  uua  earum  perfecte  significata  evi- 
denter poterit  inferre  aliam.  V^erbi  gratia':  relatio  est  res  alia~a  ter- 
mino  ;  tarnen  non  perfecte  potest  apprehendi  [Ms.  16409  fol.  47r.] 
nisi  termino  cointellecto  eo,  quod  esse  relationis  est  ad  aliud  se 
habere,  et  ideo,  qui  ponit  relationem  esse,  ponit  necessario  terminum, 
et  sie  relatio  evidenter  infert  terminum.  Et  prpbatur  evidenter  hoc 
corrolarium,  quia  in  tali  consequentia  consequens  est  idem  realiter 
parti  significati  per  antecedens,     .  .    .    licet  non  sit    pars   quantitativa. 

13)  Ms.   16409.   fol.  49r.    Instantie   vestre  non  sunt  ad  f)ropositionem. 

14)  Ms.  16409.  fol.  49r.  .  .  .  quod,  si  sit  aliquis  terminus  vel  aliqua 
propositio  significans  precise  unara  rem  esse,  nnnquam  ex  taliTantece- 
dente   polcrit  inferri 'alia   res   ess«. 

15)  Ms.  1G409.  fol.  49v.  .  .  .  quod  relatio  infert  suum  terminum 
esse.  ...  in  tali  consequentia  consequens  est  idem  cum  autecedente 
vel  etc. 

le)  Ms.  16409.  fol.  49 v.  .  .  .  non  debet  dici,  (juod  ex  una  re  in- 
fertur  alia,  quia  illud,  ratione  cuius  tenet  consequentia,  est  idem  re- 
alteir  consequenti. 


—  25  — 

dass  aus  einem  Dinge  ein  anderes  geschlossen  wrerde,^^) 
es  wird  vielmehr  in  diesem  Schlüsse  schon  im  Ante- 
cedens ausgedrückt,  dass  der  Terminus  sei,i^)  es  ist  al- 
so das  Cons^quens  schon  im  Antecedens  enthalten. 
Was  daher  auf  diskursivem  Wege  gefunden  wird,  war 
schon  vorher  bekannt,i^)  es  wird  eben  durch'  dieses  Ver- 
fahren gleichsam  in  ein  helleres  Licht  gerückt,  so  dass 
also  nur  die  analytischen  Urteile  Gewissheit  beanspruchen 
können. 

Gegen  die  Anschauungen  des  Nicolaus  hatte  Egidius,  wie 
schon  vor  ihm  Bemard,  auch  mit  Gründen  gekämpft, 
die  der  Erfahrung  entnommen  waren,  dass  nämlich  von 
den  Veränderungen  in  der  Natur,  kurz  von  einem  Ac- 
cidens  auf  lein  Subjekt  geschlossen  werden  könnte.^o)  Ni- 
colaus lässt  ein  solches  Schlussverfahren  als  berechtigt 
gelten,  wenn  man  die  Veränderungen  in  der  Natur  defi- 
niert als  „die  Erwerbung  eines  Zustandes  in  irgend  ei- 
nem Subjekte  mit  Vernichtung  des  früheren  Zustandes 
in  demselben  Subjekte,"  und  das  Accidens  als  „irgend 
eine  Eigenschaft  in  einem  Subjekte,"  so  dass  von  ei- 
ner Veränderung  in  der  Natur,  überhaupt  von  einem  Ac- 


n)  Ms.  16409.  fol.  49v.  Licet  una  sit  intellectio  paternitatis  et 
eius  termini  et  ideo,  qui  istam  habet  intellectionem,  posset  ex  sibi 
apparentibus  inferre  terminum  esse,  tarnen  non  propter  hoc  debet 
dici,   quod  ex  una   re   evidenter  inferatur  alia   esse. 

is)  Ms.  16409.  fol.  49v,  In  ista  consequentia,  si  sit  bona: 
,,Paternitas  est,  igitur  eius  terminus  est",  in  autecedente  significatur 
per  vos  terminus  esse.  In  hac  consequentia  ex  una  re  non  infertur 
evidenter  alia. 

19)  Ms.  16409.  fol.  49v.  .  .  .  stat,  quod  non  est  vobis  notum 
consequenter  discursui  esse  de  aliquo,  quod  non  erat  notum  »nte 
omnem   discursum. 

20)  Ms.  16409.  fol.  50r.  .  .  .  transmutatio  iiaturalis  infert  sub- 
iectum  esse  eo,  quod  in  significato  eiusdem  includitur  subiectum  esse. 


—  26  - 

cidens  auf  ein  Subjekt  geschlossen  werden  kann.^i)  Aber 
dies  ist  gar  keine  Instanz  gegen  Nicolaus,  vielmehr  be- 
stätigt es  nur  seine  Behauptungen,  weil  in  diesen  Schlüs- 
sen das  Conslequens  in  dem  Antecedens  schon  enthal- 
ten ist,  also  das  Consequens  mit  einem  Teile  des  Antec- 
cedens  identisch  ist.  Für  die  Wirklichkeit  haben  diese 
Schlüsse  gar  keinen  Wert,  denn  es  ist  eben  fraglich, 
ob  es  eine  solche  "Veränderung  in  der  Natur,  ob  es  ein 
solches  Accidens  überhaupt  giebt.  Ihnen  kommt  diesel- 
be Bedeutung  zu,  wie  wenn  ich  daraus,  dass  das  Wort: 
„Mensch"  einen  Menschen  und  Esel  zusammen  bezeichnet, 
schliessen  wollte :  „Homo  est,  ergp  asinusest"-^)  es  sind 
eben  leere  Spielereien.  Ebenso  wenig  beweist  der  Ein- 
wand, dass  die  Naturkräfte  unter  den  erforderlichen  Um- 
ständen, wenn  kein  Hindernis  vorhanden  ist,  tätig  sind,23) 
weil  es  gar  nicht  gewiss  ist,  ob  es  solche  Naturkräfte 
giebt,  ja  nicht  einmal,  ob  sie  überhaupt  möglich  sind.-^j 
Denn  wenn  auch  alle  Bedingimgen,  die  zürn  Eintritt  ei- 
ner Wirkung  erforderlich  sind,  erfüllt  sind,  so  lässt  sich 
gleich   wohl   behaupten,    dass   die   Wirkung   nicht    eintre- 


21)  Ms.  16409.  fol.  5ür.  .  .  .  concedo,  quod  in  eius  (sc.  tränt - 
mutationis  naturalis)  dcscnptione  ponerelur  subjectuni,  ut  dicatur : 
,,Transmutatio  naturalis  est  acquisilio  aliruius  rei  in  aliquo  subiecto 
cum  destructione  prioris  rei  in  eodem  su^liecto'',  et  turic  concedo, 
quod  est  valde  bona  consequeiitia:  ,,Transmuta.*io  naturalis  est;  igitur 
subjectum  est.'  ....  Et  secumdum  isium  modum  concessi  in  piin- 
cipio  Sententi;<rum  :  ,, Accidens  est;  ii^itur  subiectum  «-st,"  describendo 
accidens,  ut  intelLgamu^,  quod  accidens  signifuat  aliquid  esse  in 
subiecto. 

22)  Ms.   16409.    fol.   50r non  *-$♦:   eyidens,    utrum    aliqua  talis 

transmutatio  sit,  ....  Nam  ponatur,  quod  ista  vox :  homo  signiü- 
caret  hominem  esse  j:um  asino,  manifestum  est,  quod  tunc  sequirur  • 
„Homo  est;   ergo   asinus  est." 

23)  Ms.  16409.  fol.  öOv.  Et  consimili  modo  respondeo  ad  id,  quod 
uherius  di«itur,  quod  agentia  iiaturaiia  et  paSsiva  cum  debitis  ci^cum- 
staiciis   iiiferret  actiones   suas   esse. 

24)  Ms.  164ü9.  fol.  50v.  .  .  .  non  est  evidens,  quod  in  rerum  uni- 
versitate  bint  talia  agentia,  ymo  nee,   quod  sint  ponibilia. 


—  27  — 

ten  wird,25)  und  alle  diese  Bedingungen  sind  nicht  so 
notwendig,  dass,  wenn  eine  fehlte,  die  Wirkung  nicht 
eintreten  würde,26)  und  mit  dem  Dasein  dieser  Bedin- 
gungen ist  der  Eintritt  der  Wirkung  nicht  derart  ver- 
knüpft, dass  es  ein  Widerspruch  wäre,  wenn  die  Wirkung 
ausbliebe. 2')  Fassen  wir  die  bisherigen  Erörterungen  zu- 
sammen,   so    e  rgiebt    sich    folgendes : 

In  jedem  Schlüsse  muss  das  Consequens  mit  dem  An- 
tecendens  ganz  oder  teilweise  identiscch  sein.  Es  kann 
also  aus  einem  Dinge  nur  gefolgert  werden,  was  schon 
vorher  darin  enthalten  ist.  Nun  ist  in  dem  Begriffe  eines 
Dinges  an  imd  für  sich  weder  der  Begriff  der  Ursache 
noch  der  der  Wirkung  enthalten,  es  kann  daher  aus  der 
Existenz  eines  Dinges  nicht  geschlossen  werden,  dass  es 
Ursache  oder  Wirkung  sei,  weil  beide  nicht  in  dem  Be- 
griffe des  Dinges  als  Bestandteile  enthalten  sind.  Wir  wis- 
sen ja  von  dem  Dinge  nur,  dass  es  existiert,  daraus  aber 
lässt  sich  durch  Analyse  nicht  schliessen,  dass  es  Ursache 
oder  W^irkung  sei. 28)  Es  gieljt  daher  keine  philosophische 
Erkennmis  von  irgendwelchen  Wirkungen,  durch  welche 
Ursachen  sie  her\orgebracht  sind,  oder  von  irgendwel- 
chen Wirkungen,  durch  welche  Ursachen  sie  hervorge- 
bracht sind,  oder  von  Ursachen,  welche  Wirkungen  sie- 
hervorbringen.29)  Daraus,  dass  ein  Ding  jetzt  ist  und  vor- 

26)  Ms.  164:09.  fol.  50v.  Nam  demonstratis  omnibus,  que  snnt  re- 
quisita  ad  cffectus,  potero  sustinere  sine  aliqua  contradictione,  que 
posset  inferri  contra  me,   quod   effectus  huiusmodi   non   erit. 

26;  Ms.  16409.  fol.  50v.  Item  in  concursu  causarum  potero  ratio- 
nabiliter  credere  vel  dubitare  saltem,  utrum  ibi  sit  aliqnod  agens, 
cuius  actio  sit  necessatio  requisita  ad  positioneai  talis  effectus. 

27)  Ms.   164-09.  fol.  50v non  debeo  credere,   quod     omnibus 

istis  rebus  positis  necessario  effectus  debeat  esse  necessitate  tali,  quod 
sit  contradictio   alio  modo   se   habere. 

23)  Chart.  II.  1.  p.  577.  quod  nulla  potest  esse  simpliciter  demon- 
stratio,  qua  existentia  tantum  demonstretur  existentia  effectus. 

29)  Ms.  16409.  fol.  132v.  quod  nulla  demonstratio  seu  philoso" 
phica  inquisitio  de  effectibus  quibuscunque,  unde  proveniunt,  vel 
causis  naturalibus,  quos  vel  quales  effectus  producunt  vel  producent, 
est  aliquo  modo  evidens  sive  certa. 


—  28   - 

her  nicht  war,  weil  es  also  entstanden  ist,  zu  schliessen, 
es  müsse  Min  von  diesem  Dinge  verschiednes  geben, 
das  es  hervorgebracht,  ist  un\vissenschaftlich,^Oj  ^i^  j^ön- 
nen  eben  nicht  wissen,  ob  bei  irgend  einer  Ilervorbringung 
ein  Subjek.t  beteiligt  sei,^^)  wir  wissen  nur,  dass  dieses 
Ding  jetzt  ist,  während  es  vorher  nicht  v/a.T,^^)  von  einer 
Causalität  ist  dabei  keine  Rede.  Ebensowenig  wie  von 
der  Wirkung  auf  die  Ursache,  können  wir,  von  der  Ur- 
sache auf  die  Wirkung  schliessen.  Wenn  auch  alle  Bedin- 
gungen, die  die  Ursache  einer  Wirkung  sind,  erfüllt  sind, 
so  ist  es  doch  nicht  gewiss,  das  nun  die  Wirkung  auch 
notwendig  eintreten  werde. ^3) 

Das  Ergebnis  der  bisherigen  Untersuchungen  lässt  seh 
daher  in  folgende  vier  Sätze  zusammenfassen: 

I.)  Aus  dem  Dasein  eines  Dinges  kann  nicht  auf  das 
dasein  eines  andern,  also :  Aus  dem  Dasein  eines  Hin- 
Wirkung  nicht  auf  die  Ursache  und  aus  der  Ursache 
nicht  auf  die  Wirkung.-^*^) 

2.)  Aus  dem  Dasein  eines  Dinges  nicht  auf  das  Nicht- 
dasein  eines  andern.  aUo  :  Aus  dem  Dasein  eines  Hin- 
dernisses nicht  auf  das  Nichteintreten  der  Wirkung  und 
aus  dem  Eintritt  der  Wirkung  nicht  auf  das  Nichtdasein 
des  Hindernisses. 35) 

30)  Chart.  II.  1.  p.  577.  quod  hec  consequentia  •  „a  est  et  prius 
n«n   fuit ;  igitur  alia   res   ab   a  est",   non  est  evidens. 

Ibid.  p.  578.  quod  hec  oonseqnentia  non  est  evidens :  ,,a  est  pro- 
ductum ;   igitur   aliquis   producens   a   est  vel  fait." 

31)  Chart.  II.  1.  quod  nescimus  evidenter,  quod  in  aliqua  produc* 
tione  concurrat  subiectum. 

82)  Chart.  II.  1.  p.  583  quod  si  poneret  generationem,  non  po- 
neret  subiectum,  sed  solum  ordinem  ipsius  cause  post  non  esse,  puta 
hoc  ens  est   et  prius  non  fuit. 

33)  Chart.  II.  1.  p.  577.  quod  quibuscumque  acceptis,  que  possunt 
esse  causa  alicuius  effectus,  nescimus  evidenter,  qnod  ad  positionem 
eorum  sequatur  efifectus  positio 

34)  Chart.  II.  1.  p.  576.  quod  ex  eo,  quod  una  res  est,  non  potest 
evidenter  evidentia  deducta  ex  primo  principio  inferri,  quod  alia  res  sit. 

85'  Chart.  II.  1.  p.  576.  quod  ex  eo,  quod  una  res  est,  non  potest 
evidenler  inferri,  quod  alia  res  non  sit. 


-  29  — 

3.)  Aus  dem  Nichtdascin  eines  Dinges  nicht  auf  das 
Nichtdasein  eines  andern,  also:  Aus  dem  Nichtdasein  der 
Ursache  nicht  auf  das  Nichtdasein  der  Wirkung  und  aus 
dem  Nichtdasein  der  Wirkung  nicht  auf  das  Nichtdasein 
der  Ursache.3^) 

4.)  Aus  dem  Nichtdasein  eines  Dinges  nicht  auf  das 
Dasein  eines  andern,  also:  Aus  dem  Nichtdasein  eines 
Hindernisses  nicht  auf  das  Dasein  der  Wirkung  und  aus 
dem  Nichtdasein  der  Wirkimg  nicht  auf  das  Dasein  eines 
Hindernisses. 3^*) 

Von  dem  Causalverhältnisse  der  Dinge  giebt 
es  somit  keine  wissenschafthche  Erkenntnis.  Wenn  aber 
gleichwohl  von  einem  Dinge  auf  ein  anderes  geschlossen 
wird,  so  kann  dafür  nur  eine  Wahrscheinlichkeit  in  An- 
spruch genommen  werden,  die  darin  begründet  liegt,  dass 
das  Antecedens  und  das  Consequens  einmal  zu  gleicher 
Zeit  vorhanden  waren.  Indem  nämlich  beide  einmal  oder 
öfter  zugleich  oder  unmittelbar  nach  einander  von  uns 
wahrgenommen  wurden,  so  schliessen  wir,  dass,  wenn  eins 
von  beiden  in  die  Wahrnehmung  tritt,  auch  das  andere 
eintreten  werde.  Wenn  ich  z.B.  schliesse,  dass  ich,  wenn 
ich  die  Hand  ans  Feuer  lege,  warm  werde,  so  liegt  das 
darin  begründet,  dass  meine  Hand  einmal  warm  wurde,  als 
ich  sie  ans  Feuer  hielt,  und  so  wird  auch  in  allen  ähnlichen 
Fällen  geschlossen,  indem  sich  auf  Grund  der  Erfahrung 
die  Ueberzeugimg  gebildet  hat,  dass  mit  dem  Eintritt 
des  einen  Dinges  .auch  der  Eintritt  des  andern  verknüpft 


se)  Chart.  II.  1.  p.  576.  ^uod  ex  eo,  quod  una  res  non  est,  non 
potest  evidenter  inferri,   quod  alia  res  non   sit. 

36*  Chart.  II.  1.  p.  576.  Qluod  ex  eo,  ^uod  una  res  non  est,  noa 
polest  evidenter  inferri,  quod  alia  res  non  sit. 


—  30  — 

sei,^^)  eine  Evidenz  kann  ein  solcher  Schluss  aber  nicht 
beanspruchen,  sondern  nur  eine  durch  die  Gewohnheit 
begründete  Wahrscheinlichkeit. 


Drittes  Kapitel. 

Der  Substanzbegriff. 

Nächst  dem  Causalprobleme  ist  es  vor  allem  der  Sub- 
stanzbegriff, den  Nicolaus  tiner  Prüfung  unterzieht  und 
nach  seinen  bisher  erörterten  Anschauungen  verwerfen 
muss.  Während  die  Scholastik,  auf  Aristotelns  fussend, 
aus  den  Erscheinungen  auf  einen  ihnen  zu  Grunde  lie- 
genden Träger,  ein  Subjekt,  eme  Substanz  schüesst,  be- 
hauptet Nicolaus,  dass  Aristoteles  —  wo  Aristoteles  selbst- 
verständlich nicht  als  nomen  proprium,  sondern  als  no- 
men  appellativum  zu  nehmen  ist  —  von  einer  Substanz 
als  etwas  von  den  Objekten  unserer  fünf  Sinne  und  un- 
seren Erfahrungen  Verschiedenem  keine  evidente  Kennt- 
nis gehabt  habe.^j  Denn  eine  dem  diskursiven  Denken 
vorausgehende  Erkennmis  konnte  er  davon  nicht  haben, 
weil  es  eine  intuitive  Erkenntnis  der  Substanzen  nicht  giebt, 
da  dann  auch  die  Bauern  davon  wissen  müssten,  was  wohl 
niemand    behaupten    wird.^)    Ein    Wissen    durch    Demon- 

37)  Ms.  16-409  fol.  42r,  aimuis  non  habet  notitiani  probabilem  de 
aliquo  conse^uenie  virtute  alicuius  autecedentis,  de  Ruo  non  evi- 
denter est  certus,  utrum  conseRuens  fuerit  ali^luando  simul  cum  ante- 
cedente.  Sic  enim  si  <^uis  bene  consideret  realiier  notitia  probabili 
ut,  Muia  michi  fuit  evidens  ili9uando,  ^uod,  <^uando  ponebam  manum 
ad  ignem,  eram  calidus,  ideo  probabile  est  mtcbi,  qu«:'d,  si  nunc  po^ 
nerem,   quod  essem   calidus. 

1^  Ms.  16409  foj.  4:2r.  Ruod  r.unRuam  Aristoteles  habuit  notitiam 
evidentem  de  ali^lua  substantia  alia  ab  anima  sua,  intelligendo  sub- 
stantiam  ^uandam  rem  aliam  ab  obiectis  <^uin9ue  sensu  .m  et  a  forma- 
libus   experientiis   nostris. 

2)  Ms.  164:09.  fol.  4:2r.  de  tali  re  (sc.  substantia)  habaisset  notitiam 
ante  omnem  discursum,  ^uod  non  est  veram,  cum  non  appareant 
intTiitive,et  item  rusticis  scirent  tales  res   esse. 


—  31  - 

Station,  indem  aus  den  Erscheiniingen  daraof  geschlos- 
sen wird,  gicbt  es  ebenfalls  nicht,  weil  in  diesem  Fal- 
le von  einem  Dinge  auf  ein  anderes,  davon  verschiedenes 
Ding  geschlossen  wird,  was  gegen  die  schon  häufig  an- 
geführte Regel  verstösst.3)  Dass  übrigens  der  Schluss  von 
den  Erscheinungen  auf  eine  ihnen  zu  Grunde  liegende 
Substanz  keine  Gewisshe.t  beanspiiichen  kann,  g  ht  schon 
daraus  hen^or,  dass  es  der  göttlichen  Allmacht  möglich 
ist,  in  uns  die  Vorstellung  einer  Substanz  hervorzurufen, 
während  diesen  Wahrnehmungen  in  der  Wirklichkeit  kei- 
ne Substanz  ^entspricht.  Nun  ist  aber  nur  der  Schluss 
evident,  in  dem  das  Gegenteil  des  Consequens,  dessen, 
was  geschlossen  wird,  denkunmöglich  ist.  In  dem  Schlüs- 
se von  den  Erscheinungen  auf  die  Substanz  wäre  aber 
das  Gegenteil  des  Consequens  möglich,  und  daher  be- 
sitzt dieser  Schluss  nicht  die  Gewissheit  des  ersten  Denk- 
princips.*)  Auch  in  dem  Falle,  dass  zu  dem  Antecedens 
hinzugefügt  wird,  dass  Gott  kein  Wunder  thue,  sondern 
dass  die  Erscheinungen  durch  natürliche  Ursachen  ins 
Dasein  gesetzt  seien,  kann  dieser  Schluss  keine  Evidenz 
beanspruchen.^)  Denn  es  bleibt  immer  das  Axiom  be- 
stehen, dass  aus  einem  Dinge  nicht  auf  ein  anderes  ge- 
schlossen werden  kann.  Werm  also  aus  den  Erscheinun- 
gen nicht  geschlossen  werden  kann,  dass  sie  von  einem 
andern  ins  Dasein  gesetzt  sind,  so  kann  sicher  nicht  ge- 


3)  Ms.  16409.  fol.  42r.  nee  sciuntnr  (sc.  substantie)  ex  discursu, 
scilicet  inferendo  ex  perceptis  esse  ante  omnem  discursnm,  Ruia  ex 
una  re   non  pntest  infern,   puod  alia  res  sit. 

4)  Ms.  16409.  fol.  42r.  Cum  apparentibus  ante  huiusmodi  dis- 
cursum  potest  e>^se  per  aliquam  potentiam  utpote  divinam,  ^iiod  ibi 
iubstantia  non  sit;  igitur  in  lumine  naturali  non  infertur  evidenter  ex 
istis  apparentibus,  ^luod  substantia  sit  ibi.  .  .  .  Nam  dictum  est,  Ruod 
conseRueniia  evidens  sit,  ^uod  contradictio  est,  per  aliRuam  poten- 
tiam posset  fieri,   ^uod  oppositum  conseQuentis  stat    cum   antecedente. 

5)  Ms,  16409.  foi.  42v.  Et  si  dicit,  quod  conseRueutia  est  evidens 
addito  ad  antecedens,  ^luod  Deus  non  faciat  iniraculum,  istud  re" 
probatur  secundum  hec. 


—  32  - 

schlössen  werden,  von  welchem  andern  sie  ins  Dasein 
gesetzt  sind,  welches  also  die  Ursache  ihres  Daseins  ist.^) 
Weil  nämlich  das  Antecedens,  in  diesem  Falle  die  Er- 
scheinungen, aus  denen  auf  die  Substanz  ge  ch'osscn  wird, 
durchaus  nicht  dadurch  verändert  wird,  von  wem  immer 
es  ins  Dasein  gesetzt  ist,  so  kann  auch  daraus  nicht 
geschlossen  werden,  welches  die  Ursache  seiner  Existenz 
sei,  ob  es  durch  natürliche  Ursachen  oder  durch  die 
Allmacht  Gottes  her\'orgebracht  sei."^)  Und  wenn  fern-.^r 
jemand  von  etwas  nur  weiss  mittels  eines  Antecedens, 
von  dem  er  keine  gewisse  Erkenntnis  besitzt,  so  kann 
jene  Folgerung  auch  nicht  gewiss  sein.  Wenn  daher  aus 
den  Erscheinungen  unter  der  Voraussetzung,  diss  sie  durch 
die  Allmacht  Gottes  hervorgebracht  sind,  auf  e'ne  Sub- 
stanz geschlossen  wird,  so  ist  dieser  Schluss  nicht  evi- 
dent, weil  eben  jenes  Antecedens  nicht  gewiss,  sondern 
nur  geglaubt  ist,^)  so  dass  auch  der  Schlusssatz  nur  ge- 
glaubt   werden    kann. 

Hiergegen  war  Egidius  in  dem  schon  genannten  Brie- 
fe an  Nioolaus  aufgetreten  und  hatte  behauptet,  dass 
die  Schlüsse  von  den  Veränderungen  in  der  Natur  auf 
ein  ihnen  zu  GiTinde  liegendes  Subjekt  und  von  den 
Accidenzen  auf  eine  Substanz  evident  gewiss  seien.  Ni- 
colaus giebt  die  Evidenz  dieser  Schlüsse  zu,  wenn  man 
wie  schon  oben  ausgeführt  ist,  die  Veränderung  definiert 
als   „die   Erwerbung   eines   Dinges   in   irgend   einem    Sub- 


e)  M«.  16409.  fol.  43r.  Quando  tx  aliHuo  autecedente,  si  esset 
positum  in  esse  ab  al^uo  agente,  non  potest  inforri  ülud  conse9uens, 
a  ciuocumRue  fuerit  positum  in  esse. 

7)  Ms.  16409.  fol.  43r.  .  .  .  autecedens  in  se  non  est  propter  hoc 
v»ri»tum,  a  4uocum^ue  sit  positum  in  esse,  nee  res  significata  per 
autecedens. 

g)  Ms.  16409.  fol.  43r.  Qnando  ali^uis  non  est  certus  de  aliquo 
conse^uente  nisi  mediante  aliquo  antecedente,  de  ^no,  an  itasit,  sicut 
significat,  non  est  certus  evidenter,  ^uia  nee  illud  est  notum  ex  ter" 
minis  nee  experientia  nee  ex  talibus  deductum,  sed  tantum  est  credi- 
tum,  talis  non  est  evidenter  cerlus  de  oonseHuente. 


—  33  — 

jekte  mit  Vernichtung  eines  früheren  in  demselben  Sub- 
jekte" und  das  Accidens  als  „etwas,  was  in  einem  Sub- 
jekte ist."  Wollte  man  aber  daraus  schliessen,  dass  es 
es  in  Wirklichkeit  Substanzen  giebt,  so  wäre  das  ein 
ganz  gewöhnlicher  Zirkelschluss.  Denn  es  wird  liier  vor- 
ausgesetzt, dass  die  Definition  der  natürlichen  Verände- 
rungen und  der  Accidenzen  der  Wirklichkeit  entspricht, 
während  das  erst  noch  bewiesen  werden  muss,  da  es 
durchaus  nicht  evident  ist,  dnss  es  solche  \'eränderung'-n 
und  Accidenzen  giebt,  wenn  auch  zugegeben  wird,  dass 
es  ein  Entstehen  und  N'ergeh.n  dir  Dinge  giebl.^) 
Es  lässt  sich  also  nicht  behaupten,  dass  es  Substanzen 
giebt,  und  wenn  ein  Gegenstand  gezeigt  wird,  =o  ist  nicht 
gewiss,  ob  ausser  den  Accidenzen  etwas  davon  verschie- 
denes, also  eine  Substanz  vorhanden  ist.-^)  Ebensowen- 
nig  lässt  sich  a  uch  aus  den  Seelentätigkeiten  auf  eine 
Seelensubstanz  schliessen.  Die  Behauptung,  es  müsse  ei- 
nen Intellekt  geben,  weil  es  Erkenntnisvorgänge,  und  ei- 
nen Willen,  weil  es  Willens  Vorgänge  giebt,  ist  unbegrün- 
det, weil  dann  aus  dem  einzelnen  psychischen  Akten  auf 
etwas  davon  verschiedenes  geschloss.n  würdj,  \\a^  gegen 
das   Axiom   verstösst.^^) 

Nachdem  Nicolaus  so  die  Lehre  von  den  ersten  Sub- 
stanzen verworfen  hat.  ist  cs  selbstverständlich,  dass  da- 
mit auch   die   zweiten  oder  abstrakten   Substanzen   fallen. 

Und  gerade  darüi  besteht  seine  eigentliche  Aufgabe, 
den  Realismus  als  unbegründet  darzutun.  Wenn  es  näm- 
lich   keine    ersten    Substanzen    giebt,    so    noch    viel    weni- 


9)  Ms.  16409.  fol.  50r.  dico,  4uod  non  est  evidens,  utrum  alif^ua 
talis  transmataiio  sit,  licet  concedatur,  ^uod  ali^a;t  re>  acRuiratur  de 
novo  vel  corrtunpatur   de  novo. 

10)  Chart.  II.  i.  p.  278.  ^^uod  paiie  demonstrato  non  potest  evi- 
denter ostendi,   Ruod  ibi  iit  ali^ua  res,   Rue   non  sit     ccidens. 

11)  Chart.  II.  1.  p.  578.  9uod  iste  conse^luentie  noa  sunt  evidentes- 
Actus  intelligendi  est;  ergo  intellectus  est.  Actus  volendi  est;  igiiur 
voluntas  est. 


—  34  — 

ger  abstrakte, 12)  und  dainit  triumphiert  der  Xominalis- 
mus  über  über  den  Realismus.  Und  rieht  nur  keine  evi- 
dente, sondern  nicht  einmal  eine  wahrscheinliche  Kennt- 
nis besitzen  wir  von  den  Substanzen.  Denn  neben  den 
Erscheinungen  giebt  es  nicht  noch  andere  Dinge,  die 
Substanzen  heissen,  so  dass  mit  Wahrscheinlichkeit  von 
den  Erscheinungen  auf  Jie.  Substanzen  geschlossen  wer- 
den könnte,^^)  es  sind  nur  die  Erscheinungen  gegeben, 
von  den  Substanzen  aber  besitzen  wir  weder  eine  evi- 
dente  noch    eine   wahrscheinliche    Kenntnis. 


Viertes  Kapitel. 

Der  erkenntnistheoretische   Idealismus. 

Unsere  Ueberzeugung  von  der  Realität  der  Aussenwelt 
hat  ihren  Grund  in  der  Gültigkeit  des  Causalitätsprincips. 
Denn  unser  Selbstbewusstsein  bezeugt  uns,  dass  nicht  wir 
die  Ursache  unserer  Wahrnehmungen  sind.  Wir  schlies- 
sen  daher,  dass  sie  von  etwas  ausser  uns  hervorgebracht 
sind,  dass  ausser  uns  eine  Wirklichkeit  von  Dingen  exi- 
stiert, die  das  Urbild  unserer  W^ahrnehmungen  ist,  wäh- 
rend diese  selbst  die  Abbilder  der  Dinge  ausser  uns 
sind.  Da  aber  in  diesem  Schlüsse  von  unseren  Vorstel- 
lungen auf  die  davon  verschiedenen  Dinge  geschlossen 
wird,  so  wird  gegen  das  Axiom  gefehlt.  Daraus,  dass 
ein  Ding  ist,  kann  nicht  geschlossen  werden,  dass  ein 
anderes   ist.    Wir    haben    daher    von    Dingen    ausser    ims 


12)  Ms.  16409.  fol  42r.  Et  si  de  contnnctis  non  habuit  (sc.  Aristo- 
teles),  mnlto  minus  de  abstractis  habuit  notitiam   evidentem. 

13)  Ms.  16409.  fol.  42r.  NunRuam  fuit  alicui  evidens,  quod  positis 
rebus  apparentibus  ante  oranem  discursum  essent  Ruedam  alie  res, 
«lue  dicuntur  substantie.  Igitur  se^luitur,  9uod  de  existentia  earum 
non  habeamus  probabilem  notitiam. 


—  35  — 

keine  evidente  Gewissheit  des  ersten  Denkgesetzes. ^)  Ge- 
geben sind  uns  nur  die  einzelnen  Wahrnchmun 
gen,  die  einen  Teil  unserer  psycliischcn  Inhalte 
bilden.  Wir  wissen  dalier  auch  nur  \on  unsern  see- 
lischen Vorgängen,  dagegen  von  einer  MatiTte  kön- 
nen wir  nichts  wissen,  der  Schluss  von  den  Wahr- 
nehmungen auf  eine  von  unserer  Seele  verschiedene,  ma- 
teriellen Substanz  besitzt  n'cht  die  Gewissheit  des  Sat- 
zes vom  Widerspruch. 2]  Zudem  wäre  es  möglich,  dass 
durch  die  Allmacht  Gottes  in  uns  \^orstellungen  von  Din- 
gen hervorgerufen  würden,  und  wollte  man  daraus  auf 
Dinge  ausser  uns  schliessen,  so  wäre  es  ein  Fehlschluss. 
Nun  ist  aber  nur  das  evident,  dessen  Gegenteil  denk- 
unmöglich ist.  Daher  kann  der  Schluss  von  den  Wahr- 
nehmungen auf  Dinge  ausser  uns  nicht  gewiss  sein,  und 
wir  haben  somit  durch  die  Erscheinungen  von  den  Din- 
gen keine  gewisse  Erkenntnis. 3)  Sind  uns  so  nur  unsere 
psychischen  Inhalte  gegebeni,  so  ist  klar,  dass  dem  ei- 
nen dieselbe  Wahrheit  zukommt  w.e  dem  andern,  weil  die 
Wahrheit  oder  Falschheit  unserer  Wahrnehmungen  nur 
davon  abhängt,  ob  sie  mit  den  \>rhältnissen  der  Aus- 
senwelt  übereinstimmen  oder  nicht.  Da  wir  aber  von  ei- 
ner Aussenwelt  nichts  wissen,  so  kommt  allen  unseren 
Wahrnehmungen    die    gleiche    Wahrheit    zu.*) 


1)  Ch.irt.  IT.  1.  p.  583.  Ruod  in  luinine  naturalt  intellectu«;  viatoris 
non  potest  habere  noticiam  evidentie  de  existentia  rerum  evidentia 
reducta  seu  reducibiJi    ad  evidentiam   sea  certitudinem    primi  principii. 

2)  Chart.  II.  1.  p.  577.  quod  de  sabstantia  m.iteriali  alia  ab  aninaa 
nostra  non  habemus   certitudinem   evidentie. 

3*  Chart.  II.  1.  p,  580.  ciuod  de  rebus  per  apparentia  naturalia 
qua$i  nulla  certitudo  potest  haberi. 

i)  Chart.  II.  1.  p.  578.  qtiod  non  potest  evidenter  ostendi,  Ruin 
omnia,  ^ne  apparent,  sint  vera.  1.  c.  p.  584.  In  artibus  tennisse 
dicitur,   quod  oinne,   4uod  apparet,   est  verum. 


-  36  — 


Fünftes  Kapitel. 

Zweck   lind   Wertunterschied   der   Ding-e. 

Der  Zweck  ist  das,  um  dessent  willlen  etwas  geschieht. 
Es  wird  also,  wenn  vom  Zweck  die  Rede  ist,  behauptet, 
dass  eine  Sache  einer  andern  wegen  ist,  da'ss  die  andere 
ihre  Ursache  ist.  Nun  ist  nur  der  Schluss  evident,  in 
dem  das  Consequens  mit  dem  Anteccedens  ganz  oder  teil- 
weise identisch  ist,  es  kann  daher  aus  einer  Sache  nur 
das  geschlossen  werden,  was  in  ihr  absolut  und  an  sich 
enthalten  ist.  Wird  aber  von  einer  Sache  behauptet,  dass 
sie  die  Ursache  einer  andern  ist  insofern,  als  diese  ihret- 
wegen ist  oder  geschieht,  so  wird  aus  ihr  etwas  geschlos- 
sen, was  nicht  in  ihr  enthalten  ist,  es  ist  also  das  Com- 
sequens  mit  dem  Antecedens  weder  ganz  noch  teilweise 
identisch.  Daher  kann  nicht  behauptet  werden,  dass  eine 
Sache  der  Zweck  einer  andern  sei,i)  und  damit  ist  der 
Zweckbegriff    gefallen. 

Auf  Grund  desselben  Axioms,  dass  aus  einem  Dinge 
nicht  auf  ein  anderes,  davon  verschiedenes  geschlossen 
werden  kann,  wird  der  Wertunterschied  der  Dinge  ge- 
leugnet. Werden  nämlich  zwei  Dinge  mit  einander  ver- 
glichen und  wird  auf  Grund  dieser  \"ergleich.ung  von  dem 
einen  behauptet,  das  es  voUkommner  sei  als  das  andere, 
so  wird  gegen  das  obige  Axiom  Verstössen.  Denn  die 
grössere  Vollkommenheit  des  einen  Dinges  gegenüber  dem 
andern,  ist  nicht  schon  in  dem  Dinge  an  und  für  sich 
enthalten,  weil  sie  sonst  auch  ohne  die  Vergleichimg  au=^ 
dem  reinen  Begriffe  eines  Dinges  müsste  gefolgert  wer- 
den können,    sie    ist  also  etwas  von  dem  Dinge  verschie- 


l)   Chatt.   II.   1.   p.  577.  ^uod   ali^luis    nescit     evidenter,     Ruod     una 
res  sit  fiuis  alterius. 


-^  37  - 

denes.  Daher  kann  aus  der  Vergleichimg  zweier  Dinge 
nicht  mit  Evidenz  geschlossen  werden,  dass  das  eine  voll- 
kommener sei  als  das  andere^^j  weil  in  diesem  Schlüsse 
das  Consequens  mit  dem  Antecedens  weder  ganz  noch 
teilweise  identisch  ist.  Da  somit  alle  Dinge  gleichwertig 
sind,  unterscheiden  sie  sich  auch  alle  in  gleicher  Weise 
von  einander,  und  der  Unterschied  eines  Dinges  von 
dem  einen  ist  nicht  grösser  als  der  von  dem 
andern,  so  dass,  wenn  die  Dinge  von  einander  unter- 
schieden werden,  die  Unteirscheidung  bei  allen  die  glei- 
che und  höchste  ist.^)  Mit  der  Gleichwertigkeit  aller  Din- 
ge aber  ist  es  gegeben,  dass  kein  Ding  imvollko(mmener 
als  ein  anderes  sein  kann,  und  wenn  so  alle  Dinge  gleich 
gut  und  vollkommen  sind,  muss  diese  Welt  sowohl  in 
sich  als  auch  hinsichtlich  aller  üirer  Teile  die  beste  sein, 
und  eine  UnvoUkommenheit  ist  in  ihr  nicht  möglich,  so 
dass  nur  die  optimistische  Weltauffassung  berechtigt  ist.') 
Daher  ist  es  töricht  zu  glauben,  die  Vollkommenheit  der 
Welt  könne  durch  irgend  etwas  beeinträchtigt  werden  imd 
es  sei  daher  besser,  wenn  das  eine  oder  andere  nicht  exis- 
stiere,  vielmehr  trägt  jedes  Ding  an  seiner  Stelle  zur 
VoUkoonmenheit  bei,  und  seine  Existenz  ist  zur  Welthar- 
monie notwendig.^)  Die  Unmöglichkeit  aber,  die  ]3inge 
hinsichtlich  ihres  Wertes  und  ihrer  \'ollkommenheit  von 
einander  zu  unterscheiden,  liegt  darin  begründet,  dass  der 
objektiv  gültige  Massstab  für  diese  Unterscheidung  fehlt. 
Es  bliebe  daher  der  reinen  Willkür  des  Beurteilers  über- 
lassen,   dieses    Ding    für    vollkommen,    jenes    für    unvoll- 

2)  Chart.  II.  1.  p.  577.  Rnod  non  potest  evidenter  ostendi  nobilitas 
uniusrei  super  aliam. 

3)  Chart.  II.  1.  p.  584.  9uod  cjuecnniRue  distinguuntur,  summe 
distinguuntur  et  eRualiter  distinguunter. 

4)  Chart.  II.  1.  p.  581.  Muod  Universum  est  perfectissimnm  se- 
CTindum  se  et  secundum  omnes  partes  suas  et  quod  nulla  imperfectio 
potest  esse  in  toto  nee  in  partibus. 

5)  Chart.  II.  1.  p.  581.  cjuod  HuicCluid  est  in.  universo,  est  melius 
ipsam  Ruam  non  ipsum. 


-  38  — 

kommen  zu  halten,  so  dass  er  von  jedem  Dinge  behaupten 
könnte,  es  übertreffe  alle  andere  durch  seine  \'ollk«m- 
menheit.^)  Und  da  Gott  das  vollkommenste  Wesen  ist. 
das  alle  andern  durch  seine  X'oUkommenheit  überragt, 
so  könnte  man  jedes  Ding  für  Gott  halten, "^j  und 
ebenso  müsste  man  ihm  die  höchste  Ehre  erwei- 
sen.^) Diese  Absurditäten  zeigen,  wohin  die  Lehre 
von  dem  Unterschiede  der  Dinge  hinsichtlicl)  ihres  Wer- 
tes führt,  und  das  Resultat  ist  daher,  dass  alle  Dinge 
gleichwertig   sind. 

Sechstes  Kapitel 

Der  Occasionalisnms   des  Nikolaus. 

Als  um  die  Wende  des  12.  Jahrhunderts  die  arabische 
Philosophie  das  Abendland  überflutete,  drang  mit  ihr  auch 
die  Prädestinationslehre  und  der  Fatalismus  der  moha- 
medanischen  Religion  m  die  Schulen  ein  und  fand  selbst 
unter  den  christlichen  Philosophen  Anhänger  und  Ver- 
teidiger, so  dass  sich  die  Kirche  genötigt  sah,  dagegen 
einzuschreiten.  So  verwarf  Robert  Kilwardby,  Erzbischof 
von  Chanterbury,  im  Jahre  1276  mehrere  Sätze,  in  de- 
nen behauptet  wurde,  dass  nicht  nur  die  physischen  Vor- 
gänge,^)  sondern  auch  die  Seelentätigkeiten  unmittelbar 
von  Gott  verursacht  seien,  und  zwar  nicht  nur  die  Willens-, 
sondern  auch  die  Erkenntnisakte. ^j  Doch  diesse  Verbote 
vermochten  solche  Anschauungen  nicht  zu  unterdrücken, 


e)  Chart.  11.  1.  p.  577.  4uo(J  MuacumCiue  re  demonstrata  nullus 
seit  evidenter,    9uiii   excedat  nobilitate  omnes  alias. 

7)  Chart.  II.  1.  p.  577.  ^uod  f|uacumque  re  demonstrata  nullus 
seit  evidenter,  <luin  ipsa  sit  Dens,  si  per  Deum  infelliganxus  ens  nobi- 
lissiu:u:n. 

g)  Chart.  II.  1.  p.  578.  quod  nnllus  seit  evidenter  ^lualibet  re 
ostensa,  9uin  sihi   deheat  impendere  niaximum  honorem. 

1)  Coli.  jud.   1.   p.   198.  ca-.   X.IV. 

2)  Coli.  jud.  I.  p.  195.  (6.)  9uod  vuluntas  et  intellectus  non  mo" 
ventur  in  acta  per  se,   sed  per  eausain  sempiternam. 

(21.)   Tuod  omnes  motus   voluntarh  reducunter  ad  mctorem  primum. 


—  39  — 

und  zur  Zeit  ides  Nicolaus  stand  der  Occasioualismus  wie- 
der in  voller  Blüte.  Thoma.s  Bradwardin,  Erzbischof 
von  Chanterbury,  (f  1340J  leugnete  die  Mittelursachen, 
denen  er  ohne  .\nregung  und  Mitw'rkuiig  Gottes  j^dc  Tä- 
tigkeit absprach,^)  und  im  Jahre  1347  wurden  von  dem 
Kanzler  der  Pariser  Universität,  Johannes  von  Bardis, 
und  43  Professoren  der  Theologie  mehrere  Sätze  des  Jo- 
hannes von  Mirecuria  und  anderer  verworfen,  in  denen* 
gelehrt  würde,  dass  der  götdiche  Wille  die  erste  wirkende 
Ursache  jedes  physischen  Dinges  und  Geschehens  sei*) 
und  der  geschöpfliche  Wille  nur  vermittels  der  ersten 
Ursache  tätig  sein  könne. ^)  Von  diesen  Strömungen  konn- 
te Nicolaus  nicht  unberührt  bleiben,  und  in  der  Tat  fin- 
den wir  ihn  in  den  Reihen  der  Occasionalisten.  Nur 
Gott  kann  die  Ursache  einer  Wirkung  se'n,6)und  Ursachen 
ausser  Gott,  die  Wirkungen  hervorzubringen  vennöchtcn, 
kennen  w^ir  nicht.'^)Natürliche  Wrkur Sachen  kann  es  über- 
haupt nicht  geben,8)  und  von  Wirkungen,  die  durch  Na- 
turkräfte hervorgebracht  wären,  wissen  wir  nichts. 9)  Die- 
se Einzigkeit  der  Causalität  Gottes  gilt  nicht  nur  in  der 
physischen,  sondern  auch  in  der  geistigen  Welt.  Unser 
Erkennen  kommt  nicht  etwa  durch  die  Tätigkeit  unseres 


3)  Coli.  jnd.  I.  p.  323.  Secundas  cansas  !-ine  praeefficientia  de 
nichil  agere   posse. 

4)  Chart.  II.  1.  p.  610  (9.)  quod  voluntas  divina  cuiuslibet  rei 
ad  extra,  9tialitorcunC[ue  ipsa  sit  vel  fiat  ab  aÜMuo,  est  efüciens  prima 
caasa. 

5)  Chart.  II.  1.  p.  610.  (35.)  4uod  voluntas  creata,  qualitei^um^ue 
causat  aliquid  seu  aliQualiter  agit,  illud  agit  seu  taliter  agit  virtute 
prime  cause  moventis   et  sie  moventis. 

e)  Chart  II.  1.  p.  577.  cjuod  ne.scimus  evidenter,  ciuod  aliRua  a 
Deo  possit  esse   causa  alicuius  effectus. 

7)  Chart.  II.  1.  p.  577.  quod  nes  imtis  evidenter,  quod  aliqua  causa 
causet  efficienter  9ue  non  sit  Dens. 

s)  Chart.  II.  1.  p.  577.  quod  nescimus  evidenter,  c[uod  aliqua 
causa  efficiens  natnralis  sit  vel  esse  possit. 

9)  Chart.  II.  1.  p.  577.  quod  nescimus  evideiiter,  utrum  aliquis 
effectus  sit  vel  esse  possit  naturaliter  productus. 


—  40  — 

Geistes  zustande,  sondiTii  dadurch,  adss  vermittels 
der  Gnade  durch  eine  gewisse  gei'.tige  Bewegung 
eine  Realität  der  Seele  gegenwärtig  wird  dadurch 
die  Erkenntnis  hervorgerufen  wird.^^j  Und  wie  für 
die  Tätigkeit  unseres  \'erstandes,  so  muss  Gott  auch 
für  die  einzehien  Willensakte  die  einzige  Ursache 
sein. 

Wie  sich  aber  NicoUus  diese  Causalität  Gottes  be- 
züglich der  psychischen  Tätigkeit  gedacht  iiabe,  werden 
wir  Lni  folgenden  Kapitel  ^ehen.  wo  die  Psychologie  zur 
Darstelliuig    gebracht    wird. 

Siebtes  Kapitel. 

Die   PsychoIog"ie   des  Nikolaus. 

Schon  bei  der  Erörterung  des  Substanzbegriffes  wur- 
de bemerkt,  das  Nicolaus  die  Substanzialität  der  Seele 
leugnet  ^)  und  ein  Anhänger  der  Aktualitätstheorie  ist, 
und  in  dem  vorhergehenden  Kapitel  sahen  wir.  dass  er 
den  Occasionalismus  auch  auf  die  geistigen  \''orgänge 
ausdehnt.  Der  Wechsel  in  unserm  seelischen  Leben,  be- 
sonders in  der  Erkenntnis,  rülirt  nicht  von  einer  Selbst- 
tätigkeit unseres  Geistes,  sondern  allein  von  der  Ein- 
wirkung Gottes  her,  während  wir  selbst  uns  rein  pas- 
siv verhalten.  Wie  nämlich  in  den  materiellen  Dingen 
nichts  absolut  von  neuem  entsteht,  sondern  nur  durch 
eine  Ortsbewegung  zu  einem  Dinge  etwas  hinzutritt,  was 
vorher  in  diesem  Dinge  noch  nicht  vorhanden  war,  so 
schafft  auch  unser  Geist  die  PIrkenntnisse  nicht  aus  nichts, 
sondein  etwas  Intelligibles  tritt  sozusagen  durch  eine  geis- 


lo)  Chart.  11.  1.  p.  582.  aliqua  realitas  effioitar  presens  anime  per 
quendam   motum   spiritualem  iuxta  gratiam 

l)  Chart.  II.  1.  p.  578.  quod  iste  consequentie  non  sunt  evidentes : 
Actos  intelligendi  est;  ergo  inteliectus  est.  Actus  volendi  est;  ergo 
voluntas  est. 


—  41  — 

tige  Bewegung  zu  ihm  hinzu  und  bewirkt  dadurch  die 
Erkenntnis. 2)  Dies  ist  aber  nicht  etwa  so  zu  denken,  als 
wenn  die  Objekte  auf  unsere  Seele  wirkten,  indem  sich 
körperliche  Atome  davon  absondern,  sondern  wenn  ein 
Objekt  gegenwärtig  ist  und  alle  übrigen  Bedingungen  zur 
Tätigkeit  des  Erkenntnisvermögens  erfüllt  sind,  wird  dem 
Geiste  eine  gewisse  Realität  zugeführt  (aliqua  realitas 
efficitur  presens  anime),  die  vorher  nicht  g^ger  wärt  ig  war, 
gleichwohl  aber  in  sich  bestand,  und  zwar  geschieht  dies 
durch  eine  geistige  Bewegung,  die  durch  die  Gnade  be- 
wirkt ist.3)  Auf  diese  Weise  wird  denn  auch  die  Erkennt- 
nis, die  jetzt  jemand  besitzt,  bald  darauf  einem  andern 
zu  teil,  weil  in  dem  Wechsel  des  geistigen  Geschehensi 
nicht  etwa  eine  Erkennmis  kürz  darauf  ins  Nichts  versinkt, 
sondern  wie  in  der  Körperwelt  die  Materie,  so  bleibt 
auch  in  der  intelligibeln  Welt  jegliche  Realietät  erhalten, 
und  die  Wahrnehmung  oder  Erkenntnis,  die  jetzt  dem 
einen  zu  teil  wurde,  wird  bald  darauf  durch  die  Einwir- 
kung Gottes  einem  andern  zu  teil.*)  Aber  Gott  ist  nicht 
nur  der  Urheber  unseres  Erkennens,  sondern  audi  un- 
seres Wollens  und  Handelns.  Wie  nämlich  die  schweren 
Körper  zur  Erde  fallen,  weil  sie  die  gleiche  Beschaffenheit 
mit  ihr  besitzen,  das  Feuer  aber  als  edler  Körper  zimi 
Feuer   und    andern    ihm    verwandten,    edlen    Stoffen      in 


2)  Chart.  II.  1.  p.  582.  quod  aliquando  intelligamus,  aliquando 
non,  hoc  pro  tanto  est,  quia  per  motum  spiritualem  redditur  res 
aliqua  intelligibilis,  cum  coniungnntur  aliqua  circa  sensus,  sicut  etiam, 
ut  dicit,  in  rebus  permanentibus  matetialibus  nichil  est  novum  de 
novo  in  esse  positum ;  tarnen  aliqua  res  est  aliquando  presens  alicui 
per  motum  localem.  cui  primo  non  erat  presens.  Et  sie  est  in  anima 
nostra  per  motum  spiritualem. 

3)  Chart.  II.  1.  p.  582.  quod  potentie  nichil  recipiunt  ab  obiectis, 
sed  presente  obiecto  et  aliis  coucurrentibus  ad  operacionem  potentie 
aliqua  realitas  efficitur  presens  anime,  que  prius  non  erat  presens,  et 
tarnen  erat  in  se  nee  fit  presens  per  resolutionem  corporum  atho- 
malium,   sed  soluna  per  quandam    motum     spiritualem    inxta     gratiam. 

4)  Chart.  II.  1.  p.  582-  quod  intellectio  eadem,  que  nunc  est 
presens  michi,   erit  postea  presens  alten  supposito. 


-    42  — 

die   Höhe   steigt,   so   kommen  auch   zu   den   edlen    Seelen 
edle   Gedanken   und    Bild  r,   zu   den   schlechten   aber   nur 
schlechte,   und   deshalb   sprechen  auch,  weil   die   Sprache 
ihren  Gedanken  Ausdruck  giebt,  die  Irdischgesinnten  vom 
Irdischen,   die   Edelgesinnten   \om    Edlen.    Und  aus   die- 
sem Herantreten   edler  und  gemeiner  Bild  r  und   Gedan- 
ken an   einen   Menschen   lässt  sich  auch   ein    Urteil   über 
ihn  selbst   bilden,  weil  das   Gleiche   zum   Gleichen   strebt 
und  mit  einem  unedlen  Geiste  sich  keine  edLn  Gedanken 
vereinigen  können.^;   Da  nun  aber  durch  de   \^orstellun- 
gen   die   Willensentschlüsse   und    durch   diese   wieder   die 
moralischen  Handlungen  der   Menschen   bedingt  sind,  so 
ist  Gott  nicht  nur  der  Urheber  unseres  Erkenncns,  sondern 
auch  unseres  Wollens  ur.d  Handelns.  Gleichwohl  hält  Ni- 
colaus  die    Lehre    von   der    Vergebung    nach    dem    Tode 
aufrecht.   Wenn    sich    nämlich    die    Atome    eines    Körpers 
trennen,   —    Nicolaus   ist   Anhänger  der   Atomenlehre   — 
bleiben   Sinn    und    Intellekt   zurück,   die   nunmehr  mit   ei- 
nem andern   Körper  eine  neue   Verbindung  eingehen.   In 
demselben  Verhältnisse  nun,  in  dem  Sinnlichkeit  und  In- 
tellekt  vorher    standen,    werden    sie   auch   in    dem   neuen 
Köri>er    stehen,    und    indem    die    Trennung    von    einem 
Körper   und   die    V^eremigung   mit  einem   neuen    sich   un- 
zähligemal  wiederholt  ,findet  die  Belohnung  oder  Bestra- 
fung statt.  Standen  nämlich  das  niedere  und  höhere  See- 
lenvermögen    in      einem      wohlgeordneten      Verhältnisse, 
herrschte  der   Geist   über   die   Sinnlichkeit,   so   wird   auch 
in   allen   folgenden    Fällen    dasselbe    Verhältnis    obwalten 


5)  Chart.  II.  1.  p.  582.  quod  sicut  vilia  vadunt  ad  centrum  et  ad 
terram  propter  unigeneitateni,  quia  sunt  terrea,  ignis  autem  ad  ignem 
et  alia  nobilia  coipora  sibi  similia,  ita  videtiir,  qnod  ad  animas  no- 
biles  venjant  nobilia  exemplaria,  ad  viles  vilia,  et  qui  snnt  de  terra, 
de  terra  Io''urita.r.  Unde  talis  aduentus  exenlplari^  nobilium  et  vilium 
videtur  attestari  perfectioni  vel  imperfectioni  animarum,  quia  talia 
exemplaria  non  veniunt  ni>i  propter  unigeneitatem. 


—  43  — 

und  dadurch  der  Gute  belohnt  werden,  während  b^i  dem 
entgegengesetzen  Vcrhähnissc  der  Böse  bestraft  wird.Doch 
kann  jene  Belohnung  auch  dadurch  stattfinden,  dass  jene 
beiden  Vermögen  der  Guten  sich  wider  mit  einem  Sub- 
jekte verbinden,  das  aus  vollkommeneren  Atomen  zusam- 
mengesetzt ist,  wodurch  ein  Subjekt  von  grösserer  Voll- 
kommenheit und  Beweglichkeit  entsteht,  so  dass  das  In- 
telligible  jetzt  mehr  als  vorher  zu  ihrem  Geiste  dringen 
kann,  während  bei  den  Schlechten  das  Gegenteil  ein- 
tritt.ß)  Diese  Unvergänglichkeit  der  Seele  gilt  nicht  nur 
a  parte  post,  sondern  auch  a  parte  ante,  die  Tätigkeiten 
unserer  Seele  sind  ewig,"^)  so  dass  unser  Los  die  ewige 
Seelenwanderung  ist. 


Achtes  Kapitel. 

Die  Atomistik  des  Nikolaus. 

Waren  schon  die  bisherige;:  Ausführungen  dazu  ange- 
tan, Nicolaus  eine  für  seine  Zeit  ganz  ungewöhnliche 
Stellung  einnehmen  zu  lassen  ,so  dürfte  unser  Staunen 
noch  grösser  werden,  wenn  wir  sehen,  dass  in  ihm  auch 
der  alte  Atomismus  wieder  auflebt.  Ob  er  etwa  durch 
eignes  Nachdenken  darauf  geführt  oder  durch  die  Schrif- 


e)  Chart.  II.  1.  p.  581.  quod  premiatio  bonoinm  et  punitio  maloram 
per  hoc  fit,  quia  quando  corp^ra  athomalia  segregantur,  remanet 
quidam  Spiritus,  qui  dicitur  sensus,  et  isti  Spiritus,  sicut  m  vita  se 
habebant  in  optima  dispositione,  sie  se  habebunt  infinities,  secundum 
quod  iila  individaa  infinities  congregabuntur,  et  sie  in  hoc  bonus 
premi.ibitur,  malus  autem  punietur,  quia  infinities,  qi  ando  iterabitur 
congregatio  suorum  athomalinm,  habebit  semper  suam  malam  dispo- 
sitionem.  Vel  potest,  dicit,  aliter,  poni,  quia  illi  duo  spiritus  bonoruta 
quando  dicitur  corrumpi  suppositum  eorum,  fiunt  presentes  alteri 
supposito  constituto  ex  atliomis  perfectiorihus.  Et  tunc,  cum  tale 
suppositum  sit  maioris  flexionis  et  perfectionis,  idcirco  intelligibilia 
magis  quam   priüs  veniunt  ad  eos. 

7)  Chart.  II.   1.  p.  582.  quod  actus  anime  nostre  sunt   eternL 


—  44  — 

ten  der  Atomisten  dafür  geHX>rmen  oder  \x)ii  Zeitgenos- 
sen darin  eingeweiht  sei,  das  zu  entscheiden  ist  nicht 
mögUch.  Werke,  in  «denen  der  Atomismus  vertreten  wurde, 
standen  ihm  in  den  beiden  Bibliotheken  der  Sorbonne, 
in  der  er  vx>n  1320- 1327  wohnte,  zur  Verfügung,  wie 
sich  aus  dem  im  Jahre  1338  angefertigten  Kataloge  er- 
giebt,ij  und  dass  auch  zu  seiner  Zeit  der  Atomismus 
nicht  ganz  ausgestorben  war,  beweist  die  Tatsache,  dass, 
abgesehen  von  anderen,  Eyniericus  in  seinem  „Directo- 
rium  inquisitionis"  um  1300  unter  anderen  Irrtümern  auch 
die  .Ansicht  verwirft,  dass  jedes  Ding  aus  den  kleinsten 
Teilen  besteht,  und  wenn  die  Atome  sich  trennen,  ein 
Ding  vernichtet  wird,  und  wenn  sie  sich  vereinigen,  ein 
Ding  entsteht. 2)  Wie  dem  auch  sei,  jedenfalls  hat  Ni- 
colaus die  erste  Anregung  von  fremder  Seite  empfangen. . 
In  den  natürlichen  Dingen  giebt  es  nur  eine  Ortsveräii- 
derung.  nämlich  «eiine  Vereinigung  und  Trennung  von 
Atomen.  Wenn  sich  die  Atome  zusammenscharen 
und  dadurch  die  Natur  eines  Suppositums  bilden, 
nennt  man  es  Entstehung,  wenn  sie  sich  trennen,  Ver- 
nichtung, und  wenn  sich  durch  Ortsbewegung  Atome  mit 
einem  Subjekte  derart  ven?inigen,  dass  dadurch  nicht  ei- 
ne Tätigkeit  oder  Bewegung  hervorgerufen  wird,  ^o  nennt 
man  es  Veränderung.^)  Die  Atome  selbst  sind  ewig,  und 
damit  ist  ein  Entstehen  aus  dem  Nichts  und  ein  Werden 


i)  Franklin :.  La  Sobon.e.   p.  233. 

2)  Coli.  ju(J.  p.  245.  1 12.)  qund  res  quaelibet  ex  atomis  minu" 
ti^sini  s  ronst  tuitu',  et  quaid«»  atomi  dividuntur,  res  corrumpitur,  et 
quando  atomi  divituntU',  res  corrumpitur,  et  quando  uniunter,  ^eneraiur. 

3)  Chart.  II.  I-  p.  581.  quod  in  rebus  n;«turalibu-i  non  est  räsi 
motus  localis,  scilioft  con;;regationis  et  disgregattonis,  ita  quod, 
«luando  ad  ta!em  mo<um  sequitur  congregatio  corporum  atbomalium 
naturalium,  c«>l!ig>»ntur  ad  invicem  et  sortiuntiir  natuiam  unius 
suf  |>ositi,  dicitar  'H'^ratio;  quando  segregantur,  dicitur  corrtiptio; 
et  quando  per  moium  localem  itbomalia  sunt  cum  aliquo  supposito, 
que  fiunt  talis,  quod  nec  advenius  illovuin  faceve  videtur  ad  motum 
suppONiii  vel  »d  id,  quod  dicitur  operatio  naturalis  eius,  tunc  dicit:r 
«Jieratio. 


—  45  — 

zu  dem  Nichts  ausgeschlossen.  Das  Werden  besteht  eben 
darin,  dass  sich  schon  vorhandene  Atome  vereinigen,  die 
Veränderung  darin,  dass  zu  diesem  Atomen comprf exe  an- 
dere Atome  hinzutreten,  und  das  Vorgehen  darin,  dass 
sich  die  Atome  wieder  aus  ihrer  Vereinigung  auflösen. 
Somit  ist  der  gesamte  Naturprocess  in  letzter  Linie  wei- 
ter nichts  als  eine  Vereinigung  und  Trennung  von  Ato- 
men, herbeigeführt  durch  Ortsveränderung.*)  Weil  mm 
die  Atome  ewig  s.nd,  so  sind  auch  die  einzelnen  Dinge, 
von  denen  man  gewöhnlich  sagt,  dass  sie  werden  jund 
vergehen,  ewig.  Denn  das  woraus  sie  bestehen,  was  ihr 
eigentHches  Wesen  ausmacht,  die  Atome,  s  nd  ewig,  und 
werm  sie  sich  auch  aus  ihrer  Vereinigung  auflösen,  |so 
gehen  sie  doch  bald  darauf  wieder  andere  Verbindungen 
ein  imd  lasssen  so  das  frühere  Ding  wieder  jaufleben, 
so  dass  man  sagen  kann,  die  Dinge  sind  ewig,  mögen 
es  neue  Substanzen,  mögen  es  Accidenzen  sein. 5)  In  die- 
sem «ewigen  Kreislaufe  der  Dinge  giebt  es  daher  nur 
ein  relatives  Entstehen  und  Vergehen,  ein  absolutes  Wer- 
den, ,also  ein  Uebergang  \'om  Nichsein  zum  Sein,  jund 
ein  absolutes  Vorgehen,  ein  Uebergang  vom  Sein  ziun 
Nichtsein,  schliesst  geradezu  einen  Widerspruch  ein  und 
ist  daher  denkunmöglich,<»)  weshalb  nur  die  Lehre  der 
Ewigkeit  der  Welt  Beistimmung  \'erdient,  nicht  aber  die 
entgegengesetzte  von  der  Erschaffimg  und  \>rgänglidh- 
keit  der  Welt.'^)  Weü  nun  alle  Dinge  aus  Atomen  zusam- 
mengesetzt  sind,    die    ihrer    Qualität   nach    alle    einander 

4)  Chart.  II.  1.  p.  582.  in  rebus  permanentibus  materialibus  nichil 
est  novum  de  novo  in  esse  positum  ;  tarnen  aliqua  res  est  aliquando 
presens  alicui   per  motuni  localem,   cui  primo   non  erat  presens. 

5)  Chart.  II.  1.  p.  5^1.  quod  res  absolute  permanentes,  de  quibus 
dicitur.  communiter,  quod  generantur  et  corrumpuntur,  sunt  eterne, 
sive  sint  sub.stentie  sive  siiit  accidentia.  Ibid.  p.  578.  quod  non 
potcst  evidenter  o^teudi,   quin  quelibet  res  sit  eterna. 

e)  Ciiart.  II.  1.  p.  582.  quod  esse  corruptibile  includit  repugnan- 
tiam  et  contradictionem. 

7)  Chart.  II.  1.  p.  582.  quod  isti  conclusioni,  quod  res  permanentes 
sunt  eterne,  magis  est  assentiendum  quam  opposite. 


—  46  — 

gleich  sind,  so  sind  auch  die   Dinge  alle  einander  gleich 
hinsichtlich    ihrer  Qualität,  urd  es  wäre  töricht,   zu  ghu- 
ben,    ein    Ding    sei    edler    und    besser   als    ein    anderes.®; 
Daher   ist  die   Welt  die   beste,,   weil   die   ewigen  Atome, 
aus  denen  si-e  zusammengesetzt  ist,  nicht  aid  ts  sein  kön 
nen,  und  di^eses  Universum  ist  das  vollkommenste  sowx)hl 
in  sich   als  auch   hinsichtlich   seiner  Teile,   und   eine   ün- 
vollkommenheit  kann  weder  in  dem  Ganzen  noch  in  den 
einzelnen  Teilen  vorhanden  sein.  In  diesem  Weltall  nimmt 
jedes    Ding    die    notwendige    Stelle    ein    und    ist    infoljge 
seiner  Konstitution  aus  den  gleichen  Atomen  cb?nso  will- 
kommen wie  jedes  andere,   etwas   Unvollkommenes  gicht 
es   nicht,    so   dass    das    Dasein   jedes    Dinges    besser  ist, 
als  wenn  es  nicht  wäre.^'^)  Aus   solchen   Atomen   besteht 
auch   der    Körper    der    Mons-chen,    dessen    Loben    damit' 
beginnt,  dass  mit  einem  Atomencomplexe  sich  die  mensch- 
liche Seele  vereinigt,  zu  diesem  treten  dann  neue  Atome 
hinzu,  während  andere  ausscheiden,  wodurch  das  Wach- 
sen ibedingt  ist.  bis  sich  schliesslich  die  Atome  auflösen, 
wodurch  dann  der  Tod   eintritt.   Nach   diesem   Leben  be- 
ginnt darm  ein  neues  in  einem  andern  Körper,  wie  schon 
in    der    Psychologie    des    Nicolaus    näher    ausgeführt    ist. 
Dabei  scheint  er  hart  an  den  Materialismus  heranzustrei- 
fen,  indem    er   behaupvtet,    dass    infolge    der    Konstitution 
eines  Körpers  aus  feineren  Atomen  die  rein  geistige  Tätig- 
keit  der    Seele    vollkommener    ist    als    in   einem    Kör|>er, 
der  ^aus   gröberen  Atomen    zusammengesetzt   ist,    so   dass 
also  die   Verstandestätigkeir   abhängig   wäre  von   der   Be- 


g)  Chart.  II.  1.  p.  r)77.  rjuod  non  potest  evidenter  ostendi  nobilita« 
nnius  rei  super  aliam. 

9)  Chart.  II.  1.  p.  587.  quod  Universum  est  perfectissiraum  se- 
cundum  se  et  secundum  omnes  partes  suas,  et  quod  nulla  imperfectio 
potest  esse  in  tote  nee   in  partibus. 

10)  Chart.  II.  1.  p.  581.  quod  quioquid  est  in  universo,  est  mslius 
ipsum  quam  non  ipsum. 


—  47  — 

schaff enhcit  der  Atome  eines  Körpers. ^i)  Dieser  Atomis- 
mus macht  Nicolaus  auch  /m  einem  Anhänger  der  Emis- 
sionstheorie ,des  Lichtes.  Dieses  besteht  nämUch  darin, 
dass,  wenn  ein  leuchtender  Körper  vx)rhanden  ist,  die- 
se Atome  in  Bewegung  gesetzt  werden  und  durch  diese 
Ortsbewegung  das  Licht  verbreiten.  Wenn  dagegen  ein- 
gewendet wird,  dass  dies  nicht  durch  Ortsbewegung  ge- 
schehen kann,  weil  das  Licht  sich  plötzlich  verbreitet, 
so  ist  dem  entgegenzuhalten,  dass  es  in  der  Zeit  ge 
schiebt  wie  der  Schall,  wenn  wir  es  auch  nicht  wahr- 
zunehmen vermögen. 12)  So  stellt  sich  uns  denn  die  pe- 
schiichte  des  Weltalls  dar  als  ein  ewiges  Wechselspiel 
von  Entstehen  und  Vergehen,  im  Werden  eines  Dinges 
ist  schon  sein  Untergang  besiegelt,  woher  es  gekommen, 
dahin  strebt  es  zurück.  Und  was  von  den  einzelnen  Din- 
gen gilt,  gilt  auch  von  dem  Universum,  es  strebt  zu 
seinem  Ausgangspunkte  zurück.  Einmal  wird  der  Augen- 
blick kommen,  wo  alles  seinen  Platz  einnimmt  wie  im 
Anfange,  um  dann  das   Spiel  von  neuem  zu  beginnen.!"^) 


11)  Chart.  II.  1.  p.  582.  Uli  duo  spiritus  bonorum,  quando  dicitur 
corrumpi  suppo  ituni  eorum,  fiunt  presentes  alteri  supposilo  constituto 
ex  atliomis  perfectiorihus.  Et  tunc,  cum  tale  suppositum  sit  maioris 
flexionis  et  perfectionis,  idcirco  in  telligibilia  magi^  quam  prius  ve- 
niunt    ad  eos. 

Einen  sinnverwiri  enden  Fehler  findet  man  an  dieser  Stelle  bei  Bu- 
läus,  der  schieibt-  minoris  perfectionis,  was  Kurd  Lasswitz:  Gesch. 
d.  Atomist.  I.  p.  2o8,  Anmerk.  unten,  nachdruckt,  ohne  den  Wider- 
spru  h  darin   zu  sehen. 

12)  Chart.  II.  1.  p.  581.  qu:)d  lumen  nichil  alind  est  quam  quedam 
Corpora,  que  nata  sunt  sequi  .notum  solis  seu  etiam  alterius  corporis 
luminosi,  ita  quod  fit  per  motum  localem  talium  corporum  advenien. 
tium  ad  presentiam  co'poris  luminosi.  Et  si  dicatur,  quod  non  potes^ 
fieri  per  moium  localem,  quia  in  instantifit,  rcsbondet,  quod  ymo  fi^ 
liitempore    sicut    sonus,   licet  non  percipiamus^  quod   fit  subito. 

13)  Chart,  II.  1.  p.  585.  quod  supposita  redeunt  eodem  numero  per 
reditum  corporum  supracoelestium  ad  eumdeia  situm. 


—  48   — 

Neuntes   Kapitel. 

Nikolaus   und   die^Schola  ,tik. 

Diese  Anschauungen  sind  das  gerade  W'idersp  el  gegen 
jene  Philosi^phie.  die  von  Aristoteles  begründet,  durch 
die  Araber  dem  christlichen  Abendlande  üb-rmitielt  und 
von  den  grossen  Scholastikern  ausgebaut.  In  den  Schu- 
len (herrschend  geworden  und  von  der  Kirche  als  die 
officielle  Leh*-e  prokhimiert  worden  wpar.  Es  findet  sich 
bei  Nicolaus  nahezu  kein  einziger  Satz,  gegen  den  ßich 
nicht  ein  direkt  widersprechender  aus  der  Scholastik  an- 
führen liesse.  Kein  Wunder  daher,  dass  ihm  die  tra- 
ditionelle Lehre  als  der  Inbegriff  aller  Irrtümer  und  Tor- 
heiten erscheint !  Zwar  gesteht  er  zu,  dass  sich  in  den 
Werken  des  Aristoteles  —  Aristoteles  ist  natürlich  als 
nomen  appellativum,  nicht  als  nomen  proprium  zu  neh- 
men, einen  Scholastiker  nennt  er  nirgends  —  manche 
Sätze  finden,  gegen  die  sich  niclits  einwenden  lässt,  aber 
gerade  seine  HauptschrÜten  enthalten  durchweg  Lehren, 
deren  direktes  Gegenteil  wahr  ist.^j  In  seiner  Metaphy- 
sik ,und  Naturphilosophie  finden  sich  keine  zwei,  viel- 
leicht nicht  einmal  ein  einziger  evidenter  Satz,  noch  viel 
weniger  aber  bei  seinen  Epigonen  wie  einem  Bernard  von 
Arezzo,  der  sich  doch  wohl  nicht  für  grösser  als  Aristo- 


1)  Chart.  II.  1.  p.  5(S().  (juod  vidit  (,sc.  Xicolaus)  in  dictis  Aristo- 
lilis  et  comnientatoris  mille  conclusiones  dcteraiinatas,  contra  quas 
non  invenit  rationes  demonstrata^  ;  sed  bene  occurrerunt  sibi  ali(|ue, 
per  quas  videtur  sibi,  quod  ita  possunt  teneri  rationes  opposite  sicut 
proposite   ab   eis. 

2)  Ms.  16409.  foF.  42r.  quod  Aristoteles  in  tota  philosophia  sua 
naturali  et  metaphyi^a  vix  habuit  lalem  certitudinem  de  duabus  con- 
clusionibus  et  fortasse  nee  de  una,  et  equaliter  vel  inulto  minus  Fr. 
Beinardus,  qui  non  preferret  se  Aristotili.  Et  non  solum  non  habuit 
evidentem  nuticiam,  ymo,  licet  non  teneam,  sed  habeo  nnam  rationem, 
quam  nescio  solvere,  d  probandum,  quod  nee  habuit  noticiam 
probabilem. 


—  49  — 

teles  halten  wird,  ja  nicht  einmal  auf  Wahrscheinlich- 
keit könne  seine  Behauptungen  Anspruch  machen.^)  Will 
man  die  Dinge  erkennen,  so  wende  man  sich  nicht  an 
Aristoteles  und  frage  bei  ihm  an,  was  er  denkt,  sondern 
man  richte  seinen  Geist  auf  die  Dinge  und  überlasse 
sich  ihm.^j  Und  wie  in  der  Metaphysik  und  Naturphi- 
k)Sophie.  so  ist  Aristoteles  auch  in  der  Phychologie  fn 
die  Irre  gegangen,  nach  den  Lehren,  die  Nicolaus  über 
dieses  Gebiet  aufgestellt  hat,  fällt  das  ganze  dritte  Buch 
des  Aristoteles  .,über  die  Seele."*)  Da  somit  die  Werke 
des  Aristoteles  nichts  als  Irrtum  undd  Torheit  enthalten, 
ist  es  unverständhch,  wie  man  sich  noch  ihrem  Studi- 
um widmen  kann.  Aber  gleichwohl  giebt  es  nicht  weni- 
ge, jdie  bis  in  ihr  hohes  Alter  über  diesen  Schriften 
sitzen  und  darob  die  Sorge  für  das  gemeinsame  Wohl 
und  die  öffentliche  Sittlichk^  it  vernachlässigen,  und  wenn 
sich  ein  Freimd  der  Wahrheit  erhebt  —  ,,Damit  meint 
er  sich*'  wird  boshaft  hinzug^efügt  scilicet  ipsemet;  — . 
um  sie  aus  dem  Schlafe  aufzurütteln,  so  geraten  sie  fn 
grosse  Trauer  und  stürzen  sich  auf  ihn  als  gälte  es  ei 
nen   Kampf  auf  Leben  und  Tod.^) 


'3}  Chart.  II.  1.  p.  580.  illa"(sc.  certitudo  de  rebus)  modica  polest 
in  t)revi  haben  tempore,  si  homines  conrertant  intellectam  suuin  ad 
res  et  non  fad  ^intellectam  Aribtotilis   et  commentatori'. 

*)  Chart  H.  1-  p.  582.  per  i>tam  positiocem  cessat  totus  tercius 
liber  Aristotilis  :   „De   anima." 

5)  Chart.  II,  1.  p.  581.  (Xicolaus)  multum  admiratur,  (^uod  aliqui 
Student  in  Aristotile  et  comme  itatore  usqae  ad  etatem  decrepitam  et 
propter  eorum  sermones  iogicos  deserant  res  morales  et  curamboni 
communis  in  tantiim,  quod,  cum  insurrexerit  amicus  veritutis,  scilicet 
ipsemet,  et  fecit  socare  tjbam  ut  dormientis  ex  sompno  excitaret 
contristati  sunt  valde  et  quasi  armati  ad  capitale  bellum  contra  ©um 
irruefont. 


—  50 


Zehntes   Kapitel. 

NikoUus   and   die   Kirche. 

In  tiiu-m  solchen  .^yst» mc  ist  für  eine  positive  Re- 
ligion kein  Platz  mehr,  weil  die  Grundlage  jeder  Re- 
ligion, das  Dasein  Gottes,  in  Frage  gestellt  ist.  Denn 
aus  den  verschiedenen  Stuten  der  Vollkommenheit  in  den 
Dingen  kann  nicht  auf  ein  liöchst  vollkommenes  Wesen, 
das  den  einzelnen  Dingen  ihre  bestimmte  Vollkommen- 
heit verliehen  hat,  geschlossen  werden,  weil  es  in  der 
Welt  keinen  Unterschied  hinsichtlich  der  Vollkommen- 
heit giebt.  Der  Beweis  aus  dem  Zv/ecke  in  der  Natur,  dass 
nämlich  die  Dinge  zweckmässig  handela  und  daher  einen 
intelligenten  Urheber  voraussetzen,  ist  nicht  übc-rzeugend, 
weil  wir  von  einem  Zwecke  in  der  Natur  keine  Gewiss- 
heit haben.  Aus  dem  Dasein  der  Welt  aber  auf  Gott 
als  die  Ursache  der  Welt  zu  schliessen,  ist  noch  weniger 
möglich,  weil  in  diesem  Falle  von  einem  Dinge,  auf 
ein  anderes,  davon  verschiedenes  geschlossen  wird,  was 
gegen  jdas  oft  genannte  Axiom  verstösst.  Wollte  man 
hiergegen  einwenden,  dass  die  Welt  einen  zeitHchen  An- 
fang genommen  hat  und  daher  eine  Ursache  voraussetzt, 
so  erwidert  Nicolaus  darauf,  dass  die  Welt  anfangslos 
und  daher  ewig  ist,  so  dass  die  Frage  nach  dem  Urheber 
der  Welt  grundlos  ist.^)  Und  was  die  einzelnen  Dinge 
angeht,  deren  zeitliches  Entstehen  und  Vergehen  nicht 
in  Abrede  gesteUt  werden  kann,  so  ist  Welt  durch  ihre 

i)  Chart.  II.  1.  p.-  568.  ([uod  non  potest  evidenter  ostendi,  quin 
(juelibet  res  sit  etcrna. 

Ibid.  p.  5S1.   oportet  tarn   totum   quam  partes   esse   eierna  nee  trans 
ire  de   non  ».sse  in   esse. 

Ibid.  p.   581.  quod  res   .       .   .  sunt  eterne. 

g)  Cbatt.  II.  1.  p.  578.  quod  potest  dici  sine  contradictione,  ad 
qaam  quis  possit  duci,   quod  omnis  res  de  mundo  est  producta. 


-  51  - 

eigenen   Kräfte  imstande,  sie  hervorzubringen.*)  Das   Da- 
sein Gottes  kann  daher  auf  keinem  Wege  tx^wicsen  wer- 
den.  Trotzdem  ist  für   Nicolaus  das    Dasein   Gottes  zwei- 
fellos   Igewiss.    das    beweist    schon    sein    Occasionalismus. 
Gott    ist    ihm    der  Ucberseiende,   sein  Sein  ist  über  jalle 
Bestimmtheiten    erhaben,    so    dass    ihm    ebenso    gut    das 
Prädikat  des  Seins  wie  das  des  Nichtseins  beigelegt  wer- 
den  kann, 3)    wodurch    die    Unmöglichkeit    möglich    wird, 
dass  contradiktorische   Gegenteile  dasselbe      bezeichiien>j 
Seine   Erkenntnis   aller   Dinge   ist  eine    einzige,    und   von 
Ewigkeit    her   schaut   er   alles. ^)    Gegen    Gottes    Sein   ist 
das  ^Sein    der   Welt,    weil    rein    potentiell,    eigentlich    tin 
Nichtsein,   und  so  kann  hinsichtlich  ihres  vSeins  von  Gott 
sowohl   |wie    von    der    Welt    behauptet    werden,    dass    sie 
nicht  sind. 6)   Trotz  seiner  die  Religion   untergrabenden    An- 
schauungen ist  er  ein  treuer  Sohn  der  Kirche,  ist  in  der 
Seelsorge  durch  Predigt  tätig,')  lehrt  die  Belohnung  und 
Bestrafung   im   Jenseits,^)   glaubt   an   die    Gnadenwirkung 
Gottes^)  und  ermahnt,  dem  Gesetze  Christi  zu  folgen  und 
an   seine   Worte   zu  glauben, i^)   ja  die   Glaubenssätze   ha- 
ben nach    ihm   dieselbe    Gewissheit   wie   das    Princip   Ües 
Widerspruchs.^^)  Deshalb  nun  und  weil  er  erklärt,  nichts 
von  der  katholischen  Lehre  Abweichendes  sagen  zu  wol- 
len,   und    gern   bereit   ist,    auf    Befehl    des    Papstes    alles 
zu    widerrufen,    was   Anstoss    erregen    könnte,    darum    et- 
wa    „behaupten,  »e's  könne   ihm   damit  nicht   Ernst  sein, 
heisst,    Iwie    Erdmann    in    derselben    Beziehung    von    Oc- 


4)  Chart.  II.  1.  p.  580.  quod  propositiones  ♦  Deus  est,  Dens  nou 
est,  penitus  idem  significant,    licet  alio  modo. 

5)  Ch*rt.  II.  1.  p.  578.  quod  contradictoria  ad  invicem  idem  sig= 
nificant. 

e)  Ms.  16409.  fol  49v.  Fide  tenemus,  quod  una  est  intellectio 
oumium  rerum,   pnta  divina,   et  Deus   ex  sibi   apparenti  potest  etc. 

7)  Chart.  11.   1.  p.  588.    qnod     Deus    et    creatura  non  sunt  aliquid. 

g)  Chart.  II.  1.  p.  584.  In  ecclesia  St.  Sepulchri  predicasse 
dicitnr,  quod  quilibet  plus  tenetur  diligere  proximum  meliorem  se  quam 
seipsum. 


-  52  - 

cam  sagt,  die  redlichsten  Männer  der  allerverschicden- 
sten  Zeiten,  wiel  sie  ähnliche  Erklärungen  abgaben,  zu 
Schelmen   machen. "^-)- 

Er   ist    ein   wahrer    Philosoph    und    dabei    ein    überzeu- 
gungstreuer  "Katholik    und    Priester. 


Schlusswort 

So  nennt  denn  Nicolaus  eine  für  seine  Zeit  ganz  jun- 
gewöhnliche  Stellung  ein.  Durch  die  Leugnung  des  ana- 
lytischen Charakters  des  Causalitätsprincips,  durch  die  Be- 
kämpfung des  Substanzbegriffcs  für  die  Körper  und  Geis- 
ster,  durch  seinen  Idealismus,  durch  die  \'erwerfung  der 
teleologischen  Naturerklärung,  durch  den  Occasionaüsmus 
und  Atomismus  ist  er  der  \'orläufer  mancher  bedeutender 
Philosophen  der  Neuzeit.  Ein  Einfluss  auf  die  neuem 
Philosophie  ist  damit  keineswegs  gegeben.  Das  verhin- 
derte schon  die  \>rnichtung  seiner  Schriften,  und  die 
Philosophie  der  folgenden  Jahrhunderte  ging  ganz  an- 
dere Bahnen,  als  Nicolaus  betreten  hatte.  Selbst  auf  seme 
Zeitgenossen  scheint  er  keinen  Einfluss  ausgeübt  zu  ha- 
ben. Kam  er  doch  zu  Resultaten,  die  den  traditioneUeri 
Anschauungen  derart  entgegengesetzt  waren,  dass  man- 
cher von  vornherein  darauf  verzxhten  mochte,  näher  hier- 
auf einzugehen.  Wie  man  auch  über  sein  System  den- 
ken  mag,    Konsequenz    in    dei    Durchführung    wird    ihm 

9)  Chart.  11.   1.  p.  483.   qni  cum   (jue   appetit  ire,  aliquando  ibit. 

10)  Chart.  II.  1.  p.  582.  Aliqua  realitas  fit  presens  anime  per 
quendnni  motum  spiritualem   inxta   gratiam. 

11)  Chait.  11.  1.  p.  583.  quod  adbereamus  legi  Christi  et  ut 
credamus,  quod  non  aliter  fiet  premiatio  et  puntito  nisi  per  illum 
nu>>lum,   qui  est  expressus  in   lege  s*cra. 

12)  Chart.  II.  1.  p.  577.  quod  excei)ta  certitudine  üdei  non  erit 
alia  certitudo  nisi  certitudo  primi  principii. 

13)  Grundriss  d.  G.   d.  Ph.  4.  Aufl.  1.  p.  470. 


~  53  - 

niemand  bestreiten  können.  Kommt  nämlich  nur  dem  Prin- 
cip  des  Widerspruchs  und  den  Sätzen,  die  sich  darauf 
direkt  oder  indirekt  zurückführen  lassen,  Evidenz  zu,  so 
sind  damit  alle  Folgerungen  gegeben,  die  Nicolaus  ge- 
zogen  "hat. 

Ob  in  den  vorhergehenden  Ausführungen  alles  so  dar- 
gestellt ä-ei,  wie  es  von  Nicolaus  gelehrt  ist,  kann  5n 
Zweifel  gezogen  werden.  Musste  doch  seine  Lehre  gerade 
in  den  wichtigsten  Punkten  aus  einzelnen,  aus  dem  Zu- 
sammenhang seiner  Werke  gerissenen  Sätzen  wiederher- 
gestellt werden.  Wie  dem  auch  sei,  in  den  Grundzügen 
ist  uns  das  System  des  Nicolaus  erhalten  und  zeigt  Uns, 
welch  ein  reiches,  wissenschaftliches  Leben  in  jener  Pe- 
riode der  mittelalterlichen  Philosophie  herrschte. 


Vita. 


Ich,  Joseph  Conrad  Lappe,  katholischer  Confession,  wur- 
de am  2.  März  1879  ^Is  Sohn  des  Landwirts  Franz  Laj>- 
pet  und  seiner  Ehefrau  Theresia  geb.  Schupmann  zu 
Geseke  in  Westfalen  geboren.  Nach  der  Vorbil- 
dung auf  der  höheren  Bürgerschule  meiner  Vater- 
stadt ging  ich  1895  ^^  ^^^  König).  Gymnasium  zu  Pa- 
derborn, wo  ich  im  Jahre  1899  das  Zeugnis  der  Reife 
erhielt.  Ich  wandte  mich  zunächst  philosophisch  -  theolo- 
gischen Studien  an  der  biscliöflichen  Lehranstalt  zu  Pa- 
derborn zu,  Sommer  1900  ging  ich  nach  München,  wo 
ich  besonders  Philosophie  und  Staatswissenschaften  stu- 
dierte. Im  Herbste  desselben  Jahres  wurde  ich  an  der 
Universität  zu  Bonn  immatrikuliert  und  blieb  hier  bis 
zur  Vollendung  meiner  Studien,  Ich  beschäftigte  mich 
vor  allem  mit  Philosophie  und  Nationalöconomie,  aus- 
serdem   mit    Germanistik    und    klassischer    Philologie. 

Am  25.   März   1903  bestand  ich  das  Doctorexamen  und 
am  27.   März   1904  das  Staatsexamen. 

Vorlesimgen  hörte  ich  "bei  folgenden  Herren  Professoren, 
in    München:    v.    Hertling,    Brentano,    Lotz,    Ranke    imd 

Walther, 
in  Bonn :  Bäumker  und  Erdmann  in  der  Philosophie, 

V.   d.    Goltz,    Gothein,    Dietzel,  Zorn   und 
Bergbohm    in    den    Staatswissenschaften, 
Usener,   Bücheier,  Elter,   Brinkmann,  Frank, 
Litzmann    in    der    Philologie. 

Meinen  Lehrern  Prof.  Bäumker  und  Erdmann,  die  mir 

in   ernsten    und    schweren    Tagen    als    väterliche  Berater 

und   Helfer  zur  Seite  standen,   spreche  ich  auch  an  die- 
ser  Stelle   den   herzlichsten   Dank  aus. 


ÜE    MEDI^\ 

-,     N^  5  9     QUEüN   S     PARK 


3Q 


Lappe,  Josef  ^^^^^ 

Die  Philosophie...  .A97 

Z68